Archive for Januar, 2011

Augenblicke der Wahrheit…

Montag, Januar 17th, 2011

Am Donnerstag, dem 24. Juni 2010, abends, ist mir so was von Selbsthass und Projektionen begegnet im guten alten Elle&Lui, wie es wohl nur Psychotherapeuten und Psychiater real erleben! Schwule müssen sich meistens mit dem Hass von heterosexuell Orientierten auseinandersetzen, wobei sie oft die Erfahrung gemacht haben, dass ihnen dabei die bis zur Perversion verleugneten eigenen Anteile dieser Heteros/as in einer real-dramatisierten Form begegnen.

Viel härter noch ist die Form des heterosexuellen Selbsthasses, der einem in Person eines Homosexuellen begegnen kann! Ein heterosexuell motivierter Hass, der sich zudem nach aussen und zugleich an „die eigenen Leute“ richtet! Meistens läuft diese Form von „Selbsttherapie“ nur unter Schwulen ab und wird daher von Heterosexuellen und der Wissenschaft gar nicht zur Kenntnis genommen. (Das typischste Beispiel ist der Hass gegen die Tunten.) Und die Schwulen schütteln einfach nur den Kopf, wenn ihnen „so etwas“ mal zufällig begegnet.

Es sind mir verschiedenste Formen dieses Selbsthasses gegenwärtig, vor allem aus den letzten Jahren, in denen die Schwulenbewegung an Bedeutung verloren hat. Vor allem jetzt im Internet, wo die verschiedensten Formen davon sich hinter Fetischen, Drogen, Destruktion und Selbstzerstörungen psychischer und sogar physischer Art verbergen.

Dieser Selbsthass ist der verlängerte Arm der heterror-sexuellen Kultur, die es immer wieder schafft, ihre Drohung wahr zu machen: Nämlich dass ein selbstbestimmtes schwules Leben „von Natur aus“ – und noch nicht mal schon ab 16 Jahren – keine Aussicht auf Erfolg hat und nur in der sprichwörtlichen Scheisse enden kann und muss. Dabei komme ich nicht umhin, auch an die Lebensform Frau zu denken. Doch dazu später.

Der „Schwulenpapst“ wird nicht nur geliebt von Schwulen, und das ist auch normal so. Ich habe mich immer mal wieder damit auseinandersetzen müssen und das „ging ganz schön an die Nieren“. Denn die „Kuschel“-Akzeptanz von Heteros oder der „Heteroszene“ ist noch nicht wirklich „nachhaltig“. Aber für Homosexuelle, die innerlich froh sind, nicht mehr beschimpft oder gar getreten zu werden (zB früher unter dem alten Schutzalter bis 20 Jahre), ist das schon mehr als das halbe Leben.

Das Symptom, das ich soeben beschrieben habe, kenne ich vor allem aus der Bisexuellen-Szene im Internet! Bis ich den Zusammenhang bemerkt habe, hatte ich Diskussionen gehabt, die bis ins Unerträgliche der persönlichen Beleidigungen gingen und Drohungen gegen meine Person und meine körperliche Unversehrtheit enthielten. Die Person, die in dem Schwulenlokal gegen mich ausfällig wurde, erinnerte mich auch an Diskussionen, die ich vor ein paar Jahren mal mit Frauen hatte. Damals hatte sich bald herausgestellt, dass diese in ihrer Kindheit sexuelle Übergriffe erlebt hatten. Nun, die hier beschriebenen Aengste können auch vor der Furcht davor entstehen…

Ich muss hier auch anfügen, dass ich auf einer Kontaktplattform, die vor allem für Junge gedacht ist, Erfahrungen mit „pädophilen“ Zuschreibungen (Verdächtigungen) gemacht habe. Die Rolle des „Pädophilen“ ist mir dabei zugefallen, weil ich als älterer Schwuler einige Jungs in Diskussionen daran erinnert hatte, dass sie nicht darum herum kommen würden, ihre sexuelle Orientierung auch ihren Müttern zu gestehen! Denn von anderen Jungs „Ehrlichkeit und Treue“ zu fordern, ohne sie selber auch ausserhalb der Beziehung – oder innerhalb der heterosexuellen Familie – zu praktizieren, finde ich sehr widersprüchlich. Dabei bin ich natürlich auch voll in die Rolle eines Vaters hineingelaufen, der bekanntlich bei Jungs – vor allem homosexuellen – nicht eine hervorragende Rolle spielt.

„Mutter“ kann natürlich sehr vieles sein! Das hängt nicht an den realen Blutsverwandtschaften. Und für viele Homosexuelle ist offenbar die Gesellschaft, ihre Moral und wie sie das so erleben, auch eine Art Mutter!

So, jetzt glaube ich, fast alle Elemente zu dem Phänomen zusammengetragen zu haben. Stopp! Noch etwas muss ich dazufügen: Mir sind in den letzten Monaten ältere Homosexuelle in meinem Laden begegnet, die mir von ihren „heterosexuellen“ Verletzungen in der Jugend und bis ins junge Erwachsenenalter erzählten. Männer, die noch älter sind als ich selbst – also 65, 70 und um die 80. Männer vor allem, die nie von der Schwulenbewegung erreicht worden sind!

Kehren wir also zurück zu jenem Abend im Elle&Lui – und vor allem – zu dem, was ich da eigentlich „verbrochen“ hatte. Ein paar Stammkunden sassen herum. Bei ihren Bieren. Und Tarik war wie immer um das Wohl seiner Gäste besorgt. Wir foppten ihn damit, wann wohl die Türken an der Weltmeisterschaft spielen würden…

Nun platzte ich mit einer aktuellen Meldung aus den USA heraus: Da hatte ein Zehnjähriger in seiner Schule das tägliche amerikanische Treuegelöbnis mit Fahnenaufzug und Hand auf dem Herz plötzlich verweigert, weil er der Meinung ist, dass Gleichheit in den USA für Schwule und Lesben noch lange nicht erreicht sei. Auch exponierte er sich mit den Eltern im Fernsehen, weil er in seiner Stadt den CSD-Umzug anführen wird. (googeln nach: Ethan McNamee) Ich fand das mutig und auch irgendwie nett…

Doch bei einem der Stammgäste, er hatte wohl schon einige Bierchen in sich, löste das eine plötzliche und heftige Reaktion aus! Ich hatte gelegentlich – über die letzten Jahre – immer mal wieder mit ihm und Gästen diskutiert. Natürlich über schwule Belange. Und meistens ist bei ihm so ein Bodensatz an „Säuerlichkeit“ zurückgeblieben. Wie das bei Bierkonsumenten schon mal üblich ist?

Doch jetzt legte er ein Donnerwetter gegen mich los, das sich nur über die Jahre zusammengebraut haben konnte. Ich sei völlig von Sinnen und würde quasi noch Kinder ins Verderben zerren. Dem Jungen sei das nur eingeredet worden, denn selber könne der das unmöglich beurteilen. Er hätte mich schon länger beobachtet (und natürlich beargwöhnt) und ich gehörte in den Knast als Krimineller – wegen „solcher“ Aktivitäten. Soweit ein Ausschnitt aus der persönlichen Ebene.

Genau diese meine Ansichten würden bei der heterosexuellen Gesellschaft das Renommee der Homosexuellen in den Dreck ziehen und die allgemeine Akzeptanz verhindern. Damit würde ich „denen“ in die Hände arbeiten und den Homosexuellen nur schaden. Soweit die gesellschaftliche – oder eben „Mutter“-Ebene.

Es hatte sich eine allgemeine Betroffenheit ausgeleert an der Bar. Der Barman sagte nur: „Ich äussere mich nicht dazu!“ – Das erwartete ich eigentlich auch nicht von ihm, der in solchen Fällen ja immer versucht, seine Gäste wieder zu beruhigen und allgemein Harmonie zu verbreiten. Und wir lieben ihn ja auch alle.

Der Ausbruch dieses Stammgastes überraschte mich auf der einen Seite. Andererseits erkannte ich darin diese Säuerlichkeit wieder, die er jeweils in Diskussionen mir gegenüber zurückliess. Seine heftige Reaktion war ähnlich einer Person, die reale sexuelle Übergriffe erlebt haben musste. Ich sagte ihm auf den Kopf zu, dass er jetzt einmal wirklich ehrlich gegenüber mir gewesen sei und ich ihn quasi verstehen würde, aber dass ich seine Beleidigungen und Beschuldigungen und Drohungen zurückweisen müsse. Ich schlug zurück mit der Bemerkung, was hätte ER denn schon getan, als immer nur seine Biere zu trinken und den Finger im Arsch zu drehen. Punkt.

Irgendwann redete er dann mit seinen Nachbarn an der Bar und erstaunlicherweise hatten die Leute plötzlich Diskussionsstoff miteinander und die Drama-Szene wurde durch neu hinzukommende Gäste langsam wieder verwischt. (Ich weiss natürlich nicht, welches die realen Hintergründe in seiner Biografie sind, daher verlasse ich jetzt die persönliche Ebene.)

Die aktuelle Gayszene verdrängt vor allem die frühen biographischen Elemente eines selbstbestimmten schwulen Lebens, wie auch die heterosexuelle Kultur das selbstbestimmte Leben von Frauen noch immer nicht völlig akzeptieren kann. Hier wie dort führen die als „normal“ verstandenen Verhaltensweisen in „normale“ Zweierbeziehungen hinein, wie Ehe, eingetragene Partnerschaft, die eine „selbstgewählte“ und als dominierend erlebte Form von Familie einfach fortsetzen.

Normalität war schon immer angesagt. Ich erinnere an die Geschichte der Schwulen aus dem letzten Jahrhundert: Die Vereinheitlichung verschiedenster kantonaler und historisch-kulturell und religiös geprägter Strafgesetze mündete 1942 in ein doppeltes Schutzalter von 16 für heterosexuelle Kontakte und eines von 20 für homosexuelle Kontakte. Dies traf vor allem die homosexuellen Männer – bis Ende der 80er! Nach der Moral des alten Strafrechts war der überwiegende Teil der Betroffenen zu Tätern geworden. Juristisch war egal, wer jünger oder älter war, auch ein Stricher war einfach ein „Täter“ – aber sinnigerweise auch Opfer – sonst hätte man dem Freier ja nichts antun können. Auffällig in dieser Zeit waren auch die wiederholten Beteuerungen aus der Schwulenszene und den Schwulenorganisationen, dass auf keinen Fall unter 20jährige akzeptiert würden und dass auch die Prostitution, die quasi für Männer verboten war, bekämpft würde. Das war eine Konzession an die Mutter-Moral der Gesellschaft.

Ich weise ausdrücklich nochmals darauf hin, dass diese Konflikte bei Frauen kein Thema waren. Täterinnen gegen das homosexuelle Schutzalter waren von 1942-1992 unbedeutend. Wer jetzt den Frauen mehr Disziplin oder Unschuld zuspricht, glaubt wohl an Märchen oder eben daran, dass Frauen keinen Penis haben und somit keine „Taten“ begehen können…

Diese Konzessionen an die „Mutter-Moral“ der Gesellschaft werden wider besseres Wissen gemacht. Etwa so ähnlich, wie Opfer sich in TäterInnen verlieben, um sich die reale Situation nicht eingestehen zu müssen*. Ich kann mich schon immer erinnern, dass Schwule von ihrem „anderen“ Bewusstsein schon aus früher Jugend berichtet haben, ungeachtet eines moralisch/juristischen „Schutzalters“.

Zudem möchte ich ausdrücklich daran erinnern, dass das „Schutzalter“ eine hilflose Begriffskonstruktion ist, die einfach linear über eine Biografie gelegt wird – zur „Gleichbehandlung“. Die einzige Politikerin, die jemals öffentlich von einem „Alter der sexuellen Selbstbestimmung“ sprach, war die FDP-Bundesrätin Elisabeth Kopp. Ganz vergessen wird immer, dass der Bundesrat für die Revision ein Selbstbestimmungsalter von 15 Jahren vorschlug, die Expertenkommission von 14 Jahren. Es kann mir keineR weismachen, die seien alle „pädophil“ gewesen!

Es hat sich im Zuge einer allgemeinen „Gleichberechtigung“ von Homo- und Heterosexuellen eine moralische „Gleichbehandlung“ etabliert, die sich jetzt als Heterror erweist: Der Schutz der Jüngeren vor den Aelteren. Jungs werden behandelt wie Mädchen und müssen vor Penetrationen geschützt werden. Denn sie sind – nach heterosexueller Moral – zur Passivität verdammt wie die Mädchen. Das entspricht auch der Ideologie vom Täter: Frauen können keine Taten begehen, weil sie keinen Penis haben. Daher sind sie generell für Jungs ungefährlich und ihren Manipulationen völlig ausgesetzt. Jungs bringen kein Kind heim, über das Frau sich freuen kann. Und Täterinnen können die Angabe des Vaters verweigern, wenn sie mit Jungs im Schutzalter „fruchtbaren“ Verkehr haben…

Dass es Jungs geben kann, die auch mal Erwachsene penetrieren wollen und können, können sich Frau und Mann höchstens in der Heterosexualität vorstellen – und das ist ja dann nicht so schlimm. Eben besonders, wenn es dann neun Monate später ein Kind zu betreuen gibt. Keine Traumatisierung, kein Seelenschaden.

KeineR würde sich unter Gleichberechtigung oder Gleichwertigkeit vorstellen, dass Frauen wie Männer sein sollen – oder per Gesetz gleich behandelt. Aber in Bezug auf Homosexualität werden Homosexuelle/Schwule über den gleichen moralischen und juristischen Kamm geschoren wie Heterosexuelle. Auch Lesben betrachten letztlich oft Schwule als „richtige Männer“! Haben wir diese „Gleichmacherei“ so gewollt?

Peter Thommen60, Schwulenaktivist, Basel

*Das sogenannte „Stockholm-Syndrom“ (> Wikipedia)

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