bibel des schwulen sex??

Wenn ich den neuen Sexratgeber von Gmünder lese, dann finde ich darin weder eine Bibel, noch das was in einer Bibel steht und erst recht gar nicht das, wozu die ganzen Hilfsmittel und Leistungen sein sollen, die uns an die Grenzen unserer Möglichkeiten bringen wollen…

Witzig sind die vielen Techniken und Erfindungen. In diesem Sexratgeber findest Du so ziemlich alles, was Kreti und Pleti, so treiben, um sich die Zeit zwischen essen, schlafen und vielleicht auch arbeiten, möglichst geil zu vertreiben. Und da ich schon 62 Jahre alt geworden bin, fällt mir auf, dass die ganzen Anleitungen vor allem für Jungs zwischen 20 und 40 Jahren gedacht sind, was man allgemein und einschränkend als „sexuelles Lebensalter“ versteht.  😉

Auch die Darsteller bewegen sich in diesem Altersbereich, so dass man den Eindruck bekommen könnte, sexuell aktive Menschen würden gar nicht alt werden! Das stimmt in einem gewissen Sinne. Aber nicht nach den Anweisungen von Kreti und Pleti, sondern bei jedem nach seinen individuellen Fähigkeiten. Es herrscht so eine art „Toleranz“ nach dem Motto: Tu’s lieber heute, bevor es morgen schon wieder verboten wird. Und wenn es verboten ist, dann tu es ganz besonders.

Es geht immer nach dem gleichen Schema: Du hast viele Fetische und Techniken zur Auswahl, probiers aus, bevor Du ein alter Sack geworden bist! So ein Lustkatalog ist dämlich wie ein heterosexueller Sexkatalog, der dazu dient, die langweilige monogame Ehe etwas aufzulockern. Nur ist bei den Schwulen erst die Lockerung und anschliessend – vielleicht – eine Ehe angesagt! Und das sexuelle Zusammensein eines Schwulen mit einem Mann hat noch viel tiefere und wichtigere Elemente als die Spiele der Heterosexuellen.

Witzig wie das Reizvolle an ungeschütztem Sex beschrieben wird, um anschliessend noch 10 wichtige Tipps zu bringen, wie man garantiert ohne Kondom ficken und dabei noch gesund bleiben kann…

Natürlich werden sämtliche gängigen Suchtmittel „besprochen“, um anschliessend Tipps für Suchtberatungsstellen aufzulisten. In diesen geschilderten Widersprüchen ist das schwule Sexleben für Jungs zwischen 20 und 40 sehr vielversprechend und Du wirst mit Tipps und Anweisungen vollgestopft. Aber ob Du überhaupt der Typ bist für diesen oder jenen Fetisch, für speziell „harte“ Praktiken, oder eine Gangbang mit Massenbesamung, interessiert im Buch kein Schwein.

Von einer Bibel erwarte ich zumindest, dass der Leser inputs erhält, wie er seinen eigenen Körper verstehen und zum gesunden Funktionieren bringen kann. Der Eine eben so und der Andere braucht es wieder anders. Als Beispiel denke ich mir das wie mit den Sternzeichen. Was andere zusammenschweisst, kann wieder andere total auseinanderbringen. Es gibt eben keine Tipps für Kreti und Pleti. Denn wir sind keine Heti! 😉

Die ganze psychische Dimension bleibt aussen vor. Denn darauf will sich offenbar keiner einlassen. Das muss halt jeder mit sich selber abmachen, so wie jeder mit den 10 Tipps selber schuld sein wird, wenn er denn trotzdem und ohne Kondom nicht gesund geblieben ist. Und wenn es um verantwortungsvolles Handeln geht, dann zieht der Autor immer irgendwelche Fachleute, Doktoren und Professoren zu Rate, damit er dann nicht geradestehen muss. So einfach ist das.

Die christliche Bibel – und andere dazu – sind grosse psychische Archive und Erfahrungs-Bibliotheken. Sie sind die Unterfutterung für einen Körper, den es zu verstehen und lebenslang adäquat zu gestalten gibt. Nicht nur in der Gesundheit, sondern auch – und besonders – mit der chronischen Krankheit HIV.

Ich will es abschliessen mit einem Beispiel. Während wir lesen, wie oft wir zum Orgasmus kommen können und wie wir ihn möglichst hinauszögern können (was bei Heterosexuellen wichtig ist), welcher Cockring dabei hilft und ob einer aus Stahl oder aus Staubsaugergummi besser wäre, wird vergessen, wofür überhaupt ein Orgsamus ist und dass dieser Orgasmus nicht nur zur Freude mit einem Partner, sondern auch existenziell für unsere Psyche wichtig ist. Daher hat er einen bestimmten – auch individuellen – Funktionsablauf, um unser Nervenkostüm zu regenerieren. Die sexuelle Aktivität muss mit unserem Körper rückgekoppelt werden und nicht nur „fit gemacht“ werden für die Partner.

Aus diesem Grunde haben Kinder und Jugendliche sehr häufige Erektionen, die nichts mit „Geilheit“ an sich zu tun haben. Und viele Männer sind so auf dem heterosexuellen Leistungstrip, dass sie selten einen für ihren Körper gerechten Orgasmusverlauf erleben können. Mit zunehmendem Alter ändert sich der Verlauf sogar nochmals und ist in nichts mehr vergleichbar mit dem eines Jungen. Anstelle der Quantität stellt sich die Qualität.

Wir können solch einem hetero geprägten Textwerk vor allem kritisch gegenüberstehen und uns die gleiche Frage stellen, die wir uns schon bei der „Freigabe“ der schwulen Pornografie stellen haben müssen: Was wird es für die kommenden Jahrgänge für Auswirkungen haben? Ganz zu schweigen von Drogen, Aufputsch- und Beruhigungsmitteln und den ganzen Erektionsverstärkern…

Peter Thommen_62, Buchhändler und Schwulenaktivist, Basel

Stephan Niederwieser: Die Bibel des schwulen Sex, Gmünder 2012, 270 S. CHF 29.-

Hier die Verlagswerbung (PDF)

Die 69 Positionen („Kamasutra“) 😉

Der Gay Sexguide, 2010

Stephan Niederwieser, Interview im LEO vom Juli 2012, S. 41 (mit Anmerkungen von P. Th.)

– Du nennst Deinen neuen Ratgeber „die Bibel des schwulen Sex“. Ist für Schwule der gepflegte Geschlechtsverkehr, was für den gläubigen Christen die sonntägliche Messe ist?

Ich wüsste nicht, wie man Nächstenliebe besser praktizieren könnte, als mit gutem, liebevollem, für beide oder mehrere Partner, befriedigendem Sex. (1)

– Auch Heteros haben ihre Sexratgeber. Extremsportarten … tauchen dort allerdings eher selten auf.

Zum einen glaube ich, dass sich schlichtweg kein Mainstream-Verlag findet, der so etwas publizieren würde. Aber Heten sind nicht weniger versaut. Zum anderen ist es für Schwule leichter, Extremsportarten auszuleben. Denn wie heisst es so schön? „Ist der Ruf erst ruiniert…“

– Vor zehn Jahren hast Du mit „Sextipps für Schwule Männer“ erstmals Anleitungen zur erfolgreichen sexuellen Befriedigung und danach ganze Bücher nur übers Ficken, Blasen und Wichsen geschrieben. Ist da nicht bald einmal alles gesagt?

Es wird viel zu wenig über Sex gesprochen. Ich meine aufrichtig und von Herzen. Und schon gar nicht zwischen Sexpartnern. Deshalb bleiben bei vielen Männern Unsicherheiten zurück. „Bin ich gut genug? Hab ich alles richtig gemacht? Wa hätte ich besser machen können?“ Und die lesen gerne immer wieder meine Ratgeber, weil ich ihnen Mut mache, zu ihren Wünschen zu stehen und ihre Fantasien auszuleben. (2)

– Was macht einen zum guten Liebhaber oder gar Sex-Experten? Ein gute theoretische Grundlage oder doch die Praxis?

Selbstbewusstsein, Mut, Aufrichtigkeit, Einfühlungsvermögen, mentale Freiheit – und ein grosser Schwanz (lacht).

– Wer hat dir eigentlich den Titel „schwuler Sexpapst“ verpasst? Bist du stolz darauf?

Tja, ich weiss auch nicht genau, wie ich zu diesem Titel kam. Nein, stolz bin ich darauf nicht. Nur immer wieder überrascht, dass so wenige den Mut haben, offen und ehrlich über Sex zu schreiben. Ich hätte gerne Konkurrenz. Wenn man der einzige ist, wird man eben Papst. (3)

– Und was sagt eigentlich der Vatikan dazu?

Gute Frage. Ich hatte schon immer gerne Sex mit Pfarrern. Das waren bisher die versautesten (4) Partner. Vielleicht können sie mir eine Stellungnahme des Vatikans besorgen…

(Interview Axel Schock) (5)

Anmerkungen P.Th.

1)  guter liebevoller Sex, eben mit den Extremsportarten.. Passt doch!

2) Da stellt sich mir die Frage, ob wir uns nun treffen, um Extremsportler zu werden, eine Olympiade durchzuführen, oder eine Prüfung zu bestehen…

3) Die Konkurrenz würde darin bestehen, nicht immer nur die technischen Möglichkeiten zu verfeinern, sondern auch die psychischen Konsequenzen mitzuberücksichtigen. Aber dann kann man weniger Ratgeber verkaufen…

4) Versauter Sex ist so was von bürgerlicher Schizophrenie! Diese Trennung habe ich nie machen müssen, um mir sexuellen Freiraum zu erobern. Nur weil Schweine einen 30-min. Orgasmus haben, muss ich mich deswegen nicht gleich versauen…

5) Ich finde es schon etwas versaut, sich von seinem eigenen Kollegen, mit dem man die Texte herausgibt, interviewen zu lassen. Gähn…

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