Selbstschädigungstendenzen bei Männern mit hs Kontakten

Martin Plöderl untersuchte den Zusammenhang zwischen psychischer Gesundheit, Suizidalität und sexueller Orientierung. Dazu berichtet er im ersten Teil des Buches von internationale Studien zur Identitätsentwicklung, zum Coming-Out, zu Diskriminierung, psychischer Gesundheit und zur Suizidalität bei homo- und bisexuellen Menschen. Im empirischen zweiten Teil folgen Ergebnisse seiner eigenen Untersuchung. Darin wurden erstmals im deutschsprachigen Raum schwule/lesbische/bisexuelle mit heterosexuellen Personen kontrastiert. Es zeigte sich, dass auch hierzulande homo- und bisexuelle Menschen stärker von Suizidalität und psychischen Problemen betroffen sind. Die Ergebnisse zu den erhobenen Risiko- und Schutzfaktoren geben weitere Hinweise zu den Ursachen erhöhter Suizidalität und liefern wichtige Ansatzpunkte für die Suizidprävention und Gesundheitsförderung.

Persönliches Resümee: Die gefundenen Ergebnisse können und sollen kritisch betrachtet werden. Man könnte die gefundene höhere Rate an Suizidversuchen bei den homo- bzw. bisexuellen TeilnehmerInnen auf methodische Probleme zurückführen. Man könnte und sollte als nächsten Schritt die Suizidversuchsraten an einer österreichischen und deutschen Zufallsstichprobe validieren (Messung vergleichen, PT). Einen ersten Schritt in diese Richtung habe ich kürzlich gemacht, indem ich StudienteilnehmerInnen über das soziale Netzwerk von Studierenden rekrutiert hatte. 9 % konnten als homo- oder bisexuell klassifiziert werden, und diese hatten deutlich höhere Raten an Suiziversuchen, „wahren“ Suizidversuchen, und solchen, bei denen der Wunsch zu sterben vorhanden war. (Plöderl & Fartacek, 2005). (hier eine Publikation beim Verlag Krause und Pachernek, 2009) PDF

Meines Wissens wurden derart strenge Kriterien für Suizidversuche in keiner publizierten Studie verwendet. Trotzdem zeigten sich Unterschiede zwischen homo- bzw. bisexuellen und heterosexuellen Personen. Es ist daher sehr unwahrscheinlich, dass bei repräsentativen Untersuchungen die Problematik nicht replizierbar (wiederzufinden, PT) ist.

Für die Validität (Gültigkeit, PT) von selbst berichteter Suizidalität spricht auch die Studie von Qin et al. (2003). Es hat sich gezeigt, dass selbst in Dänemark und bei homosexuellen Personen in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften die Suizid(!)raten eindeutig erhöht sind.

Daher sollten bereits jetzt zur Suizid(versuchs)prävention bei homo- und bisexuellen Menschen Massnahmen gesetzt werden. Diese sollten einerseits bei homo- und bisexuellen Personen selbst ansetzen, zB in Form von Peer-Hilfsnetzwerken. Andererseits ist es auch nötig, dass bestehende Hilfseinrichtungen über die spezifischen Bedürfnisse und Probleme homo- und bisexueller Personen Bescheid wissen. Es gibt Hinweise, dass dieses Wissen nicht vorhanden ist. Kaum jemand von 129 im Gesundheitsbereich mit Jugendlichen arbeitenden Professionellen in London wusste, dass schwule Jugendliche ein höheres Risiko für suizidales Verhalten haben (Crawford, Garaghty, Street, & Simonoff, 2003), und HBS Personen mit einer chronischen psychischen Störung waren deutlich weniger mit Gesundheitseinrichtungen zufrieden als vergleichbare heterosexuelle Personen (Avery, Hellman, & Sudderth, 2001).

Anzumerken ist hier auch, dass in Publikationen oftmals vorhandene Studien über das Suizidalitätsproblem in der homo- und bisexuellen Population nicht zitiert, oder bagatellisiert werden (zB Catalan, 2000; Evants, Hawton, & Rodham, 2004; Muehrer, 1995).

Andererseits sollte auch bei heterosexuellen Personen (Familien, SchülerInnen, etc.) und auf der institutionellen Ebene angesetzt werden, zB durch – meines Erachtens längst überfällige – rechtliche Gleichstellungen. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass die erhöhte Suizidalität von homo- und bisexuellen Menschen eine Folge gesellschaftlicher Diskriminierung, bzw. Nicht-Akzeptanz auf institutioneller und individueller Ebene ist. Dabei sind nicht nur homo- und bisexuelle Menschen betroffen.

Auch heterosexuelle Menschen leiden unter homophober Diskriminierung; sie sind im Vergleich zu homo- und bisexuellen Menschen sogar in der Mehrzahl, wie aus den Risikoverhaltensstudien an Jugendlichen bekannt ist (Reis & Saewyc, 1999). Jugendliche, die sich als heterosexuell bezeichneten, die aber von anderen homophob diskriminiert wurden, hatten gleich hohe Suizidversuchsraten wie homo- und bisexuelle Jugendliche.

Darüber hinaus sind die Konsequenzen einer homophoben Gesellschaft für die individuelle Entwicklung – unabhängig von der sexuellen Orientierung – möglicherweise fatal, wenn Intimität zwischen gleichgeschlechtlichen Menschen ausgeklammert werden muss.

(zitiert nach Plöderl: Sexuelle Orientierung, Suizidalität und psychische Gesundheit, S. 260)

269 S. Beltz 2006  CHF ca. 70.- ISBN 978-3-621-27748-8

 

 

 

Bi- und Homosexuelle unter starkem gesellschaftlichem Druck

Entgegen allgemein verbreiteter Ansicht ist die gesellschaftliche Situation vieler „anders-sexueller“ Menschen prekär! Nur weil viele sich nicht betroffen fühlen, darf nicht über diese Probleme hinweggesehen werden!

Wer weiss ob Du gerade jetzt, oder schon einige Zeit lang, Partner gehabt hast, die in psychischen oder familiären Schwierigkeiten steckten. Die Solidarität unter den Menschen verlangt, dass wir nicht einfach wegschauen! Statt sich in Chats und Foren überheblich über unverständliche Verhaltensweisen Anderer zu beklagen, wäre es gescheiter, sich über mögliche Hintergründe ein paar Gedanken zu machen! P.T.

„Homo- und bisexuelle Männer und Frauen sind deutlich suizidgefährdeter als Heterosexuelle. Das geht aus einer Untersuchung des Psychologen Martin Plöderl von der Universität Salzburg hervor. Er befragte 358 homo- und bisexuelle beiderlei Geschlechts, die er grösstenteils über regionale Schwulen- und Lesbeninitiativen rekrutiert hatte. Er verglich ihre Antworten mit denen einer Kontrollgruppe von 267 heterosexuellen Frauen und Männern.

Das Ergebnis war eindeutig: „Alle Indikatoren für Suizidalität … waren bei homo- und bisexuellen Personen im Vergleich zu heterosexuellen Personen ausgeprägter.“ Sie berichteten über mehr abstrakte Todeswünsche und konkrete Suizidgedanken, sowie über mehr abgebrochene und tatsächliche Suizidversuche und waren auch gefährdeter, sich das Leben zu nehmen. 12 % der befragten homo- und bisexuellen Männer, aber nur 2 % der heterosexuellen Befragten  hatten bereits einen Suizidversuch hinter sich. Bei den Frauen war der Kontrast sogar noch deutlicher: 17 % Suizidversuche bei lesbischen und bisexuellen befragten Frauen stand  1 % bei heterosexuellen befragten Frauen gegenüber.

Plöderl folgert aus diesen Zahlen und den Befunden anderer Forscher, dass homosexuelle Menschen keineswegs bloss häufiger ‚versuchen’, sich das Leen zu nehmen: „Aus Studien ist bekannt, dass ca. 10 bis 15 % der Personen, die einen Suizidversuch gemacht haben, sich später umbringen werden.“ Als besonders suizidgefährdet erwiesen sich in Plöderls Befragung Homosexuelle, deren Familie seinerzeit negativ auf das coming out reagiert hatte, sowie solche Teilnehmer, die noch immer mit einem Umfeld leben mussten, in dem sie sich nicht akzeptiert fühlten. Die Suizidneigung hing aber auch davon ab, wie offen und offensiv die Betreffenden selbst sich zu ihren sexuellen Neigungen bekannten.

Als noch gefährdeter als die homosexuellen erwiesen sich in Plöderls Stichprobe die bisexuellen Teilnehmer. Bei ihnen häuften sich Suizidgedanken und abgebrochene Suizidversuche. Der Salzburger Psychologe sieht damit die Vermutung bestätigt, dass im Allgemeinen „bisexuelle Personen in einer schlechteren Verfassung sind als homosexuelle“. Viele der Befragten, die sich als bisexuell einstuften, erwiesen sich als psychisch verunsichert. Sie kamen auf hohe Werte in einem Fragebogen zur „internalisierten Homophobie“, hatten also häufig Angst vor und Schwierigkeiten mit ihren sexuellen Neigungen. Vielleicht als Folge dieser Unsicherheit waren sie „weniger in die Szene integriert und hatten eine geringere soziale Unterstützung“.

(Hier ist der Punkt, um darauf hinzuweisen, dass die Befragten immerhin aus dem Umfeld von Organisationen kamen, oder darin Mitglied waren! Ich denke, die „privaten“ und „diskreten“ Betroffenen sind in ihrer Aufrechterhaltung von Geheimnis und persönlichem Schutz noch gehemmter! Das ständige Aufpassen absorbiert viele Kräfte, die für gesunden Sexualgenuss und soziale Kontakte verwendet werden könnten! Meist wird der angesammelte Frust auch an heimlichen Partnern ausgelassen! Als Beispiel diene das provozierte Gesundheitsrisiko von Bareback, gefährliches Sexualverhalten, sowie der verbreitete Popperskonsum! P. T.)

„Trotz aller gesellschaftlichen Liberalisierung scheinen Homo- und Bisexuelle im Alltag noch immer einem besonderen psychischen Stress ausgesetzt zu sein. Sie berichteten zum Beispiel häufiger als Heterosexuelle über Diskriminierung, körperliche Gewalt (an Frauen), erzwungene Sexualkontakte (an Männern), geringere Unterstützung innerhalb der Familie (besonders Vätern fällt es noch immer schwer, die Homosexualität des Sohnes oder der Tochter zu akzeptieren),  sowie Suizidversuche nahestehender Personen. Sie litten häufiger unter Depressionen und anderen psychischen Symptomen, nahmen häufiger Tranquilizer ein, hatten weniger Hoffnung, Selbstwertgefühl und „existenzielle Motivation“ als die Vergleichspersonen aus der heterosexuellen Kontrollgruppe.

Keine bedeutsamen Unterschiede gab es hingegen bei der Unterstützung durch Freunde, beim Alkoholkonsum oder beim Ausmass auch von ‚sexueller Inaktivität’.“

(TSA rezensierte in: psychologie heute, Juni 2006, S. 49)

Siehe auch das Interview mit Prof. Udo Rauchfleisch: „Reif für den Oscar, aber nicht für die Gesellschaft?“ im gleichen Heft, S. 46-51.

Hier Informationen aus der „täglichen Praxis“ eines Escortboys:  „da belegt Yilidiz’ Buch, dass sich andererseits aus den „Angst- und Bedrohungsszenarien…, die gerade durch die Köpfe der Menschen geistern“ (S. 13) durchaus ganz konkrete Situationen machen lassen.
Bleibt die Frage, wer dabei wirklich oben liegt. Jennifer Petzen stellte sie im Titel ihrer wegweisenden Studie über „türkische und deutsche Maskulinitäten in der schwulen Szene“ (in IFADE 2005).

Cem Yildiz fand die Antwort in seinem Job als „türkischer Stecher“:  Nach einer „Zwei-Stunden-Session mit einem Ober-Maso“ hatte er sich „noch den Schwanz im Bad gewaschen und wollte gehen. Doch irgendwas ließ mich stutzen, vielleicht war es das aufmüpfige Grinsen des Typs, der eben noch unter mir gelegen hatte. ‚Ey, Alter‘, sagte ich dann zu ihm, ‚ich mache ja hier eigentlich die ganze Zeit nur, was du willst.“ (S. 78)

P.Th.-Kommentar: Was es also zu beklagen gibt, sind diese verdunkelten Räume, die jegliche Kreativität verdrängen, um dann sich selbst und seine Rollenmitspieler zu beeindrucken… Letztlich Gewalt gegen sich selbst. Ich muss bedauerlicherweise gestehen und bekennen, niemals solche Leerräume gehabt zu haben – nicht mal im dunkelsten Park! Ich gehe lieber vielen Heterosexuellen im Tageslicht auf die Nerven!

Eine Besprechung des Buches von Yildiz folgt auf  arcados.ch!

Drastischer als hier kann man die psychische Situation vieler Männer mit ihren homosexuellen Bedürfnissen nicht darstellen!  (Ein Mann hat sich an seinem Hodensack aufgehängt)

2 Responses to “Selbstschädigungstendenzen bei Männern mit hs Kontakten”

  1. […] Selbstschädigungstendenzen, über Mobbing und Suizide in Kindheit und Jugend,  Verbreitete Analsucht unter […]

  2. […] Informationen von homosexuellen Kindern über Mobbing, körperliche Angriffe, Morddrohungen und die erhöhte Selbstmordgefährdung wirklich ernst nehmen würden! Urbi et orbi! […]

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