Basel, schwule Chronik 1977 > 79

Szene Schweiz (mein erster schriftlicher Kommentar, im Freundesanzeiger Nr. 4, Juni 1977)  Die Bemühungen der organisierten Homosexuellen in der Schweiz trugen in der letzten Zeit verschiedene Früchte. Die Clubs und Diskotheken erfüllen brav das Anliegen, mit Musik und Stimmung das Leben zu verschönern. Der „club hey“ (SOH) trat dieses Jahr bei seiner Eröffnung an die Öffentlichkeit. Allerdings bereiten ihm die zürcher Behörden etwelche Schwierigkeiten mit der Ausschankbewilligung.

Die ‚open-house’ Disco der HABS in Basel konnte wahrscheinlich den grössten Schritt tun. Das neue Lokal ist offen für alle Leute, ob homo oder hetero und bietet Begegnung und Diskussionsmöglichkeit für jedermann ohne Altersgrenze. Als einziger Club ist die HABS in Basel auch Leuten unter 20 Jahren zugänglich. (Das Schutzalter lag von 1942-1992 bei 20 Jahren)

Eine absolute Notwendigkeit, wenn Vorurteile abgebaut werden sollen.

Die HA-Gruppen traten verschiedentlich an die Öffentlichkeit, am TV, auf Boldern (Evang. Tagungszentrum), in Bern mit einem Filmzyklus und in Basel mit dem Film „Rosa Winkel…“. All dies wurde in den Medien besprochen.

Andererseits stösst die SOH mit einer Inseratwerbung für’s hey in verschiedenen Zeitungen auf Ablehnung. Eine Haltung insgesamt also, die ich als widersprüchlich bezeichnen möchte.

Die allgemeine Diskussion sollte sich weiter ausbreiten und bestehende Positionen sollen gehalten werden.

Viel mehr als bisher müssen die Homosexuellen die Angst der Heterosexuellen in ihrer Öffentlichkeitsarbeit berücksichtigen. Toleranz reicht nicht für die Integration und Militanz muss einer bestimmt und überlegt angelegten Arbeit weichen.  Peter Thommen (FA 4, Juni 1977)

BS-Szene-1977  Basel entpuppt sich immer mehr als Stadt mit interessanten Angeboten für homosexuelle Besucher. Traditionell sind der Isola-Club, die Bars „elle et lui“ und „White Horse“ DIE Lokale für Homosexuelle.

Seit einiger Zeit beginnen sich alternative Möglichkeiten zu entwickeln. Seit 1976 führt die HABS am Totentanz 17 einen Club für ‚weniger vornehme’ Schwule und ohne roten Plüsch. Hier treffen sich ‚Emanzipierte’, junge und ältere Schwule mit Heteros, Freunden und Bekannten.

Der ARCADOS Buchladen an der Rebgasse 35 bietet nebst gängigen Zeitschriften auch Publikationen von Emanzipationsgruppen, Infos und Papers. Sachbücher und Literatur über Homosexualität, Taschenbücher und ausländische Zeitschriften, persönliche Auskünfte und Beratung, welche über ein ‚Sexlädeli’ hinaus gehen.

Die Bar ‚elle et lui’ wurde umgebaut. Sie erhielt ein Fenster und mehr Tische auf Kosten der meist leeren zweiten Bar. Es wurde eine nette Atmosphäre geschaffen, wohin man auch Bekannte gerne mitnimmt. Neu kommt jetzt noch die Sonne als Sombrero-Bar dazu. Neuer Wirt: Hugo Wirz    (PT, FA 5, Jul/Aug 1977)

04.01.1978 – Prof. Raymond Battegay (senior) hielt Vorlesung über Sexualmedizin. Am Anfang recht progressiv, nachher eher mässig. Am Schluss bemerkte er auch, dass man zur Homosexualität verführt werden könne. Daraufhin wurden von Luciano und Francesca Flugblätter verteilt. (hinfo 2/78) 18.02.1978 – Grosses Kostümfest der HABS in der Katakombe (Totentanz, Basel) 24.02.1978 – Katakombe, Ausstellung Bilder von Valentin Ph. Hauri

01.04.1978 – HABS beteiligt sich an der Demo gegen die Bundessicherheitspolizei Busipo in Bern

April 1978 – Katakombe: Eröffnung eines Informations- und Dokumentationsraumes, Zeitschriften, Bücher, Infos liegen auf. Plakate sprechen von den Wänden. Hier kann man sich zurückziehen, sich informieren, diskutieren. Damit entwickelt sich die Katakombe zu einem eigentlichen Aktions- und Kulturzentrum, welches vor allem auch Heterosexuellen offen steht. (FA 13/1978)

12.04. 1978 – Telearena zum Thema Homosexualität. Die Sendung hatte trotz anderweitiger Sportübertragung die höchste Einschaltquote der 70er Jahre!

Ausschnitt von 17 Minuten! Alexander Ziegler spielte eine doppel-deutige Rolle als Provokateur, obwohl bekannt als Homosexueller. Das kam in der Sendung schlecht an… Die herangereisten Lesben waren sauer, weil sie nicht auch dargestellt wurden. (Ganze Sendung als DVD in Schwubliotheken oder bei ARCADOS ausleihbar!)

01.05.1978 – Die alltägliche Diskriminierung: Vor ungefähr einem Jahr lernte ich meinen Freund kennen. einige Wochen nachdem er regelmässig in unserem 5-Familienhaus verkehrte, hatte dies seine Konsequenzen. – Meine Mutter wurde recht grob von einer Mieterin angefahren. Als ich die Nachbarin darauf ansprach, wetterte diese los…  Und obwohl ich ihr meinen Freund vorstellen wollte, wehrte sie sich gegen mein „Knabenbordell“.
Nun, Homosexuelle haben nun mal andere Bekannte als brave Bürgersfamilien mit Weekendhaus.
Vor ungefähr einer Woche wurde in unserem Haus eingebrochen. An jenem Abend verliess meine Schwester uns gegen halb eins am Morgen. Kaum war sie zwei Treppen unten, wurde sie von den Bestohlenen beschimpft. Als ich sie ein Stück nach unten begleitete, hörte ich die Frau wieder von unten schimpfen: „Natürlich, dieses Pack von oben mit ihrem Besuch. Die schwulen Säue!“
Ich sprach sie darauf sofort an und erhielt eine wütende Tirade. „Nun haben Sie aus der Telearena nichts gelernt?“ fragte ich sie. Sie habe mich schon gesehen! rief sie mir zu und schlug mir die Türe vor der Nase zu. (P. Thommen, FA 14/1978)

08.05.1978 – „Wir feiern die Befreiung vom Faschismus! Tausende Schwule sind in den KZ’s umgekommen, die wenigen, die überlebt haben, sind bis heute nicht entschädigt worden.“ (HABS-info, April 1978)

17.06.1978 – Ausstellung satirischer Zeichungen um den Mann, von Rolf Laub in der Katakombe

17.06.1978 – Glamouröses Kostümfest mit Conny Nelson zum 6. Geburtstag der HABS in der Katakombe

08./09.07.1978 – HACH-Weekend in Wil/Olten (zur Vertiefung der Gruppenzusammenarbeit und gegenseitigem Anwärmen…)

Oktober 1978 – Der Film „Die Konsequenz“ läuft erstmals im TV DRS

28.10.1978 – Herbstfest im Isola-Club

13.11.1978 – DRS1 „von Tag zu Tag“: Homosexuelle überreichen Petition zur Abschaffung des Homo-Registers in Zürich (5470 Unterschriften)
Der Chef der Zürcher Kripo, Hubatka sprach sich gegen die Abschaffung aus. HAZ, SOH und Lesben kämpfen weiter. (fabio, hinfo 11/78)

15.11.1978 – Wettsteinpark Basel: Die Polizei führte um 23.30 h eine Razzia durch. Es wurden ca. 4 Polizeifahrzeuge und einige Hundeführer eingesaetzt. 7 Leute wurden auf den Claraposten mitgenommen zur Aufnahme von Personalien. Es wurde auch nach dem Arbeitgeber gefragt. (FA 17/1978)

24.11.1978 – Sombrero-Bar Sonne, spanisches Festival mit Folklore und Essen. Einer von vielen gemütlichen Abenden, die uns Hugo Wirz noch organisieren wird, wie er mir bedeutungsvoll unter vier Augen sagte. (FA 17/1978)

Dezember 1978 – Mit einem Tonband bewaffnet trat ich eine „Audienz“ bei Regierungsrat Karl Schnyder an . Ich fragte ihn über seine Einstellung gegenüber Schwulen, seine Gedanken zu einer Strafrechtsrevision und den Umgang der Polizei mit uns. Das Originalband ist verloren. Der Text wurde schriftlich fixiert und Schnyder zugestellt. Leider gab es bis heute keine Autorisation. P.Th. (siehe > TV-Bericht 1980!)

1979 Dr. Ruth Mascarin (POB) reichte im Grossen Rat einen Anzug zu diesem Problem ein.

Nov. 79  Polizei im Schützenmattpark (BaZ/Habs-Info 11’79)  Der nächtliche Publikumsverkehr des Polizeipostens Wieland war sehr gering, antwortet der Regierungsrat auf eine Interpellation Alfred Lauper (Nationale Aktion). Darum ist er seit dem Jahre 1974 zwischen 19 und 7 Uhr geschlossen. Wie der Regierungsrat weiter ausführt, gab es zwischen Dezember 1978 und Mai 1979 insgesamt 216 Polizeikontrollen im Schützenmattpark. Diese Kontrollen werden weitergeführt. Sie zeigen keine aussergewöhnlichen Ergebnisse. Die Fusswege im Schützenmattpark werden weiterhin nur teilweise beleuchtet. Es wäre abwegig, einen Park so auszuleuchten, dass keine Möglichkeiten des Verstecks mehr bestehen. Abgesehen davon sind auch die Belange des Städtebaus und des Energieverbrauchs zu berücksichtigen.

HABS-ré: Nun wissen wir es also ganz genau!

Vom Dezember 78 bis Mai 79 = 6 Monate à durchschnittlich 30 Tage = 180 Tage = 216 Kontrollen.  Es wurden also mehrere Kontrollen pro Tag/Nacht durchgeführt, so genau ist die Polizeistatistik. Wieso ist aber nur der Schützenmattpark betroffen, wieso nicht auch der (Wettsteinpark, PT) …? Oder andere Örtlichkeiten. Aber die lässt die Polizei ruhig sein, man könnte ja….

FA = Freundes Anzeiger, ARCADOS 1977-1984 (ARCADOS-Archiv, Basel)

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