Traumprinz – Interview mit R. Winiarski, 2006

Rolf Winiarski über die Schwierigkeit, mit sich selber klarkommen zu können. Er ist Berater im MHC Hamburg. (Interview in sergej-münchen 10’06)

TRAUMPRINZ GESUCHT. Was unterscheidet eine Beziehung von Schwulen von derjenigen bei Heteros?

Ich denke, dass sich eine schwule Beziehung immer noch von einer Heterobeziehung durch die Rollenbilder unterscheidet, die im Umfeld existieren. Schwule sind eine Minderheit und werden auch eine bleiben. Die vorherrschenden Normen sind immer noch auf das alte bild von „Mann-Frau-Familie“ ausgerichtet. Das will ich jetzt gar nicht bewerten. In meine Praxis kommen nicht nur Schwule. Meine Klienten sind zu 80 % Heteros. Bei vielen Heteros ist das Kinderkriegen ein gemeinsames Ziel, das stabilisierend wirkt. Das fällt bei den meisten Schwulen weg. Natürlich ist auch das mittlerweile kein Allheilmittel mehr, durch gewandelte Normen gehen immer mehr Heterobeziehungen in die Brüche. Und bei Schwulen kommt noch dazu, dass sie Männer sind. Ohne etwas darüber sagen zu wollen, ob das nun biologisch oder durch Erziehung zu erklären ist, gehen Männer etwas lockerer mit Beziehungen um.

SCHWULEN sagt man ja gerne nach, dass sie von einem Mann zum nächsten springen. Ist das nur ein gängiges Klischee, oder hast Du das in deiner Arbeit auch mitbekommen?

Das ist superschwer zu erforschen, weil wir immer nur die Schwulen fragen können, die Kontakt zu schwuler Szene oder zu schwulen Medien haben. Und ich habe manchmal meine Zweifel, ob die Unterschiede wirklich so gross sind. Wenn man sich mal die grosse Studie anschaut, die Michael Bochow für die Deutsche AIDS-Hilfe gemacht hat, dann leben bei einem Durchschnittsalter von 33 Jahren etwa 50 % der Befragten in Beziehungen, 50 % der Befragten sind Singles. Ich weiss nicht, was bei einer entsprechenden Untersuchung zum Hetero-Beziehungsverhalten herauskommen würde, aber so ein Riesenunterschied dürfte sich in den Zahlen nicht ergeben. Man muss bedenken, dass viele Schwule immer noch grosse Probleme haben, sich ins Schwulsein überhaupt einzufinden. In der letzten Zeit gab es immer wieder schwulenfeindliche Politikerkommentare und wir sehen Bericht aus aller Welt, in denen Schwule heftig attackiert werden. Schwulsein ist immer noch nicht normal und viele Männer haben Angst sich zu outen. Ich habe heute auch noch coming out-ler im hohen Alter.

DAS INTERNET hat einen viel höheren Stellenwert als noch etwa vor zehn Jahren, schlägt sich das auch in deiner Praxis nieder?

Es wird etwas aus der realen Welt abgezogen. Ich habe das neulich auf einem Treffen von schwulen Gastwirten gehört, die gaben zum Teil dem Internet die Schuld, dass die Leute nicht mehr in die Kneipen gehen. Da ist auch etwas dran. Natürlich ersetzt das Internet nicht den Szenegang, aber in der Tat mussten wir usn früher auf der Hühnerstange einreihen, um Kontakte zu kriegen. Der Kofort des Internets führt schon dazu, dass manche Männer in eine Parallelwelt eintauchen. Das muss nicht schlecht sein, kann aber auch dazu führen, dass Probleme, die die Leute haben, noch verstärkt werden, es wirkt wie ein Vergrösserungsglas auf soziale Ängste und Unentschlossenheit. Leute, die sich nicht entscheiden können, die immer schauen, ob da noch etwas Besseres kommt, gab es ja schon immer. Aber durch die mannigfaltigen Kontaktmöglichkeiten wird die Unentschlossenheit noch verschärft, man kann ein Date ausmachen und noch viele weitere Männer anchatten. Die Auswirkungen sieht man auch an manchen genervten Kommentaren in den Profilen.

Will sich überhaupt noch jemand wirklich treffen? Das ist eine Frage, die ich so oder ähnlich schon häufig gelesen habe.

GIBT ES FALLEN, in die Schwule gerne reintappen, um sich selbst den Aufbau einer Beziehung zu erschweren?

Ich glaube wirklich, dass manche Schwule nicht so gut mit dem grossen Angebot an Infrastruktur und möglichen Sexkontakten umgehen können. Bei den Internetportalen meiner heterosexuellen Freunde läuft das Kennenlernen erheblich behutsamer, da gibt es keine Schwanz- oder Busenpics. So eine sexzentrierte Szene gibt es da nicht, wenn man mal von der kommerziellen absieht. Ich halte das bei uns schon für einen Fortschritt, doch nicht jeder Schwule kann damit umgehen, und wenn man da das Mass nicht findet, dann wird man die Qualität, die man für eine Beziehung braucht, erst sehr spät erfahren, oder eventuell gar nicht. Manche Schwule berichten mir von ihren Sexerlebnissen, und ich denke mir, die haben einen Körper noch nie richtig kennengelernt, weil da alles immer so schnell geht.

WELCHE Voraussetzungen braucht es für eine längerfristige Bindung?

Ich glaube, dass Leute, die in langfristigen Beziehungen leben wollen, eher darauf achten, ob es passt oder nicht, nicht nur auf die äusseren Merkmale, die Sex-Stats etwa in den Internetprofilen achten, sondern auch darauf, ob der Mann von seinen seelischen und psychischen Voraussetzungen her zu mir passt. Das Wichtigste ist, gemeinsame Ziele zu haben, eine gemeinsame Vision von Partnerschaft zu entwickeln. Seine Ideale muss man an der Wirklichkeit erproben, man muss sich immer wieder neu einlassen und auch Kompromisse finden. Bei vielen, die unter ständig wechselnden Beziehungen leiden, findet man eine brachiale Kompromisslosigkeit. Die erreichen nie das Stadium, wo sie sich bewusst vornehmen, ein Problem mit dem Partner gemeinsam durchzustehen und gemeinsam darüber hinauszuwachsen. Irgendein Detailchen stimmt nicht und dann wird sofort der Partner gewechselt. Und jemand, der nicht allein leben kann, wird auch keine befriedigende Partnerschaft führen können. Man muss zuerst lernen, allein klarzukommen, um auf einen Partner zugehen zu können. (Interview von Torsten Bless, im sergej-München, 10’06)

Winiarski, Rolf: Traumprinz gesucht, Beziehungsratgeber, Gmünder 1994/2001, 220 (antiquarisch ca. CHF 13.–)

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