Homos i d CH, 1911 (Hirschfeld)

Homosexualität in der Schweiz um die letzte Jahrhundertwende

Die deutschrussischen Urninge haben mich in einer gewissen Derbheit ihres Wesens immer am meisten an die der deutschen Schweiz erinnert, aus der ich in Berlin und im Lande selbst zahlreiche Homosexuelle kennen lernte. Hauptstätten homosexuellen Verkehrs sind Zürich und Basel, Luzern und Bern, (im Buch ist von einem zeitgenössischen Leser auch Olten mit Bleistift angefügt worden! TH) denen sich in der französischen Schweiz Genf anschliesst. Ob ein Kanton Strafbestimmungen gegen die Urninge hat oder nicht, hat nach übereinstimmender Versicherung einheimischer Kenner nicht den geringfügigsten Einfluss auf die Betätigung, eher tritt in der deutschen Schweiz, die noch Gesetze hat, der Uranismus etwas merklicher zutage, als in den französischen und italienischen Landesteilen, in denen bereits seit langem keine Verfolgung mehr existiert.

Namentlich an bestimmten Stellen der Quais am Vierwaldstätter-, Zürcher-, Genfer- und Luganer See stösst der fremde Urning stets auf gleichempfindende oder zum Verkehr sich anbietende oder bereite Partner. Man könnte daraus folgern, dass der starke Fremdenverkehr für den Uranismus in der Schweiz im wesentlichen verantwortlich zu machen sei. Das würde aber ein Irrtum sein. Man muss allerdings in der Schweiz wie in Italien, Berlin oder anderswo unterscheiden zwischen dem homosexuellen Leben, das dem Reisenden entgegentritt und das in der Hauptsache prostituiven Charakter trägt und dem urnischen Innenleben des Landes selbst, das sich fast nur dem Eingesessenen offenbart. Dass es in der eidgenössischen Bevölkerung viele Eingeborene gibt, denen auch die homosexuelle Anlage eingeboren ist, kann nicht dem mindesten Zweifel unterliegen. In Luzern lernte ich drei Homosexuelle in mittleren Jahren kennen – zwei von ihnen waren Vettern – die lange Zeit ein gemeinsames Unternehmen leiteten, ohne von ihrer gegenseitigen Veranlagung zu wissen. Eine urnische Sammelstätte von internationalem Rufe ist ein Bahnhof in der Schweiz. Man kann die Zahl derjenigen, die in seinen Hallen Männerbekanntschaften suchen, gering gerechnet, auf 20’000 im Jahr, während des Tages auf 60-70 Personen beziffern. (Es muss wohl Zürich gewesen sein, TH)

Trotzdem die Sexualheuchelei im Schweizer Lande der englischen nicht viel nachsteht, hat es eine Reihe von Männern hervorgebracht, die sich um eine Besserstellung der Urninge grosse Verdienste erwarben, vor allem Heinrich Hössli in Glarus, der schon 1836, also zu einer Zeit, als in anderen Ländern von einer Befreiungsaktion noch keine Rede war, sich im „Eros“ mit grösstem Eifer der mannmännlichen Liebe annahm, zu dem sich in unserer Zeit mehrere Schweizer Vertreter der exakten Wissenschaften, wie Caspar Wirz *, August Forel und Eugen Bleuler gesellten.

Hirschfeld, Magnus: Die Homosexualität des Mannes und des Weibes, Louis Marcus 1911, S. 540-541

* Beat Frischknecht: Caspar Wirz – eine „unstete Natur“. – Versuch eines Porträts des Schweizer Theologen, Historikers und WHK-Aktivisten. In Invertito, Jg. 8, 2006

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