LEIDENschaft AN/in der Sexualität

Dass Männer nachts einen Park aufsuchen, um dann miteinander Sex zu haben, hat verschiedene Gründe.

Historisch-soziale: Der Park ist die Nische, wo Schwule und schwuler Sex abgedrängt werden. Die Verdunkelung homosexueller Wünsche durch die Propaganda der heterosexuell orientierten Gesellschaft lässt sie diese Wünsche nur „in der Dunkelheit“ ausleben.

Jüngere Schwule haben keine Möglichkeit, ohne eigene Wohnung jemanden heim ins Bett zu nehmen. Oder wenn eine Wohnung da ist, gibt es vielleicht eine starke nachbarschaftliche soziale Kontrolle. Ältere Homosexuelle wagen es nicht, jemanden Unbekannten heim zu nehmen, oder sie waren schon immer verklemmt und heimlich und werden es bis an ihr Lebensende bleiben…

Verheiratete, oder solche Männer „mit Freundin“, sind auf solche öffentlichen Orte angewiesen, um zuhause ihr Selbstbild und ihre Fassade gegenüber andern aufrechterhalten zu können, wenn sie sich nicht private Kontakte erschliessen.

Männer sind in unserer Gesellschaft für den „öffentlichen Raum“ erzogen. Sie sind es gewohnt, nachts draussen zu sein, durch Städte zu ziehen, oder sich an gewissen Orten zu treffen. Der Tag ist der Arbeit und der Unfreiheit in der Zeiteinteilung unterworfen. Frauen füllen den privaten Raum (Heim und Herd).

So kommt es, dass von Männern deren private Wünsche in öffentlichen Räumen ausgelebt werden, quasi öffentlich gemacht werden. Allein die Dunkelheit verbirgt den (öffentlichen) Raum vor der Öffentlichkeit. So entsteht ein Teil des Leidens an der Sexualität und ihrer Befriedigung.

Heute gehen junge Männer aber nicht mehr nur aus Scham nachts in den dunklen Park. Es ist nicht einzusehen, warum die Sexualität der Männer, die ja auch eine „draussen stattfindende“ (vom Körper abstehende) Sexualität ist, nur drinnen in Schlafzimmern und Betten stattfinden soll. Männer sind da beweglicher als Frauen, oder die Heterosexuellen überhaupt.

Schwuler Sex kann auch ohne alle die Puffs, Rotlichtlokale, Salons und den lästigen heterosexuellen Autostrich auskommen. Die ganze Profitgier um die aussereheliche Sexualität entfällt bei den Schwulen. Keine Zuhälter, keine „Muttis“ in den Bars, keine Zupfstuben. Jeder Mann teilt sexuelle Wünsche mit einem andern diskret und bis zu einem gewissen Alter auch kostenlos: Als gegenseitiger Tausch von Wünschen und Bedürfnissen. Zur sexuellen Befriedigung braucht es keine teure, dafür aber praktische Kleidung! Es braucht keine roten Lampen, Puffmusik, Champagner und dickes Portemonnaie. Jeder geht hin mit seinen Wünschen und Träumen und hofft, auf einen antwortenden Partner zu treffen.

Junge Männer treffen sich im Park auch zum Plaudern, zur Anmache, zur Selbstbestätigung durch sexuelle Zuwendung, die sie im Arbeits- oder privaten Bereich vielleicht vermissen.

Es gibt aber noch eine andere private Dimension des Leidens an der Sexualität! Viele Männer bringen ihre Komplexe, ihre Verklemmungen und Hemmungen mit in den Park und damit in den „öffentlichen Raum“. Nur die Dunkelheit und die Anonymität senkt ihre Hemmschwellen, um zu einer wie auch immer gestalteten Befriedigung zu kommen.

Im Park trifft mann nämlich nicht die besseren Männer als in der Bar und der Sauna. Du triffst hier vielleicht Männer, die das schwule Leben nur streifen und damit für Deine Wünsche und Träume aufregender sind, als alle andern, die Du vielleicht schon irgendwo gesehen, oder mit denen du schon gesprochen hast.

Es kann durchaus vorkommen, dass Du eine Person plötzlich an Dich heranlässt, weil sie in der Dunkelheit zu wenig fassbar und sichtbar ist. Du lernst dann vielleicht eine ganz unbekannte Seite von ihr kennen.

Nicht zu übersehen sind immer noch Männer, die ihre Sexualität vor allem passiv und unterwerfend erleben: Sich anfüllen mit Männersex, sich sozusagen eine Männlichkeitsspritze holen, oder ein gewisses Glas Vitamine in Form von „jus d’homme“. Sie lassen sich treiben von ihren Wünschen, die sie solange zurückhalten, wie es geht, um dann, wenn es nicht mehr geht, doch „da hinzugehen“.

Am tragischsten sind diejenigen Personen, die, gequält von moralischen Zweifeln und Selbstvorwürfen, sich irgendwann zum Objekt von all der Diskriminierung machen, sich hinwerfen und dann in die Rolle fallen, die sie sich von den andern zugedacht vorstellen!

„Wenn ihr mich schon zu dem … macht, dann will ich es auch sein!“

In der Anonymität einer schwulen Subkultur ist das ohne weiteres möglich, ohne dass jemand da je „herausgeholt“ wird. Die Diskriminierung kann sich in der Selbstdiskriminierung verstärken und eine Person völlig „entpersonalisieren“. In den Zeiten von AIDS ist das sehr gefährlich!

Ich komme nicht umhin, mir solche Überlegungen zu machen, wenn ich sehe, wie jemand splitterfasernackt seinen Arsch unter einem Baum jedermann anbietet, egal ob mit oder ohne Gummi!

Peter Thommen

(Thommens Senf, 3. Jg. Nr. 32, 12.8.1994)

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