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Das linke coming out der HABS am 1. Mai 1979*

Dienstag, April 30th, 2013

Das sogenannte „Homoregister“ der Strafverfolgungsbehörden hatte „Homos“ und organisierte Schwule schon längere Zeit beschäftigt. Ende der 70er Jahre gaben die Staatsorgane auch zu, dass ein solches bestehe. Es wurde laufend „nachgeführt“ durch Kontrollen in den „Schwulenparks“ (Schützenmatte und Wettsteinbrücke). Dabei wurden wir „gleichbehandelt“ wie heterosexuelle Verbrecher. An die Wand gestellt, mit Hunden gejagt und umzingelt… (Siehe dazu meinen Überblick im HABS-info, 11’79, PDF)

Anlässlich der Gay80 gab es eine unvorhergesehene Begegnung mit Polizeidirektor Karl Schnyder (SP, dann DSP) beim Stand an der Schifflände, in der er sich sehr liberal gab (sh. Video Minute 3.15!), aber zur Praxis äusserte er sich nicht so ausdrücklich! 😉

In jener Zeit stand auch das „Kriminalpolizeiliche Informations-System“ der Bundesanwaltschaft zu Diskussion. Die HA-Gruppen waren von „linken Leuten“ dominiert und schlossen sich den öffentlichen Protesten dagegen politisch an. (Inzwischen gibt es eine „eingetragene Partnerschaft“ – aber auch in diese wollen nicht alle eingetragen werden!)

Jedenfalls politisierte die Aussicht auf ein solches Registrier-System viele Schwule. Aber man besuchte nicht Christoph Blochers „Albisgüetli“, sondern gesellte sich am 1. Mai zu den Gewerkschaften und ArbeiterInnen…

Wie konnten wir damals Homosexualität politisieren? Die Schwulenbewegung orientierte sich an der Geschichte unserer deutschen Brüder und Schwestern, welche vom Nationalsozialis-mus verfolgt worden sind. Das rosarote Flugblatt für den Maiumzug trug den Titel: „Schwule am 1. Mai?“

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li-aussen: Walter Hofer, Mitte: Fabio Eiselin, re-aussen: Miguel

 

„Es ist kein Zufall, dass sich die Schwulen der Arbeiterbewegung anschliessen. Wer könnte sich eine Homosexuellen-Delegation an einer Arbeitgeber-Konferenz vorstellen, obwohl es sicher viele schwule Unternehmer gibt? Nur die Arbeiterbewegung ist fähig und willens, die heutige Gesellschaft in Richtung Demokratie und Freiheit zu verändern. Nur die unten sind, ohne Zweitvilla und Aktienpaket, sind bereit, für die Veränderung einzustehen. Die Homosexuellen haben sich in die richtige Reihe eingefügt.“ (Martin Herter (1954-2001) in der Basler AZ vom 15. Mai 1979, in der Titelseitenkolumne)

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Vom Münsterplatz zum Marktplatz Maidemo

Wer hat bis heute irgendwo einen Mai-Redner von Schwulen und Lesben erzählen gehört? Ich in all den Jahren noch nicht! Wir sind zwar in der Minderheit, aber wir verbalisieren die Probleme, die die Mehrheit hat, sexuell und ökonomisch! Aber die „Sexualökonomie“ von Hetero/as beschränkt sich auf Kinderbetreuungs-Einrichtungen, auf Familien- und Kinderzulagen, günstige Familienwohnungen, Familiennachzug, sowie „Erziehungsgutschriften“. Der Sex ist da völlig verschwunden. Es gibt nur Saubermänner- und –Frauen!

Mitten in den roten Fahnen stand der rosa Winkel. Wir hatten uns erst auf dem Münsterplatz versammelt, ganz zur Seite und reihten uns dann in den Demo-Zug ein. Während die Reden gehalten wurden, verteilten einige ganz beherzt das rosa Flugblatt. Nicht jedeR griff zu…

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Auf dem Marktplatz in Basel, unten das rosa Flugblatt

 

Angeline Fankhauser (NRin 1983-199) hat mir letzten Herbst am Telefon bestätigt, dass in Bern nicht über die Homosexualität diskutiert worden ist! (!) Es wurde einfach das Schutzalter angepasst. Zum einen mag das eine Normalität beweisen, die es im früheren Strafrecht niemals gegeben hat (1942-1992), andererseits hinkt das Rechtswesen der bisherigen „Gender-Diskussion“ völlig hinterher, was die Homosexualität von Jungs und Männern betrifft – oder auch die Männerprostitution.

Der Sexismus des alten Strafrechts (was kann zwischen Frauen denn schon passieren?) wird fröhlich bis heute fortgeführt. Es gibt nur TätER und keine TäterINNEN. Zwangsheiraten für Männer (auch von Müttern betrieben) sind kein Thema und die homosexuelle Orientierung, oder das homosexuelle Spiel unter Knaben geht in der Diskussion um Sexualerziehung und „Sexualisierung“ von Kindern völlig unter!

Was ist „Öffentlichkeit“? Diese Frage stelle ich mir immer wieder. Wenn zum Beispiel „eingetragene PartnerInnenSchaften“ verlangen, dass amtliche Formulare den dritten Zivilstand verschweigen und sie sich lieber „bei verheiratet“ eintragen wollen…

Was ist „Öffentlichkeit“? Wenn Schwule und Lesben Parties veranstalten und dazu anschreiben „heterofriendly“? Oder wenn Flyers nicht mehr „oberkörperfrei locken“, sondern in Hemd und Kravatte einladen – um Frauen und Heteros „nicht auszugrenzen“? Wenn Schwule sich an CSDs auf den Wagen in den Strassen mit allen Fetischen präsentieren? Oder wenn in Berlin gar öffentlich auf Wagen arschgefickt wird?

Heisst Zusammenarbeit zwischen Lesben und Schwulen, wenn der CSD einfach „Christina Street Day“ genannt wird? Wo setzen uns Lesben Grenzen? Zum Beispiel durften im Schwulen- und Lesbenzentrum Basel (80er) an Lesben-only-parties die Kondomplakate zur HI-Verhütung nicht hängenbleiben. Eine offensichtlich lesbische Polizistin fragte mich einmal direkt, warum wir Männer denn in den Park und auf Toiletten gingen, sie würde mit ihrer Freundin in den Isola-Club gehen…

Es wird immer fragwürdiger (d.h. die Frage erhält zunehmend Würde!), ob die Erscheinung im öffentlichen Raum gesellschaftlicher Liberalität, politischer Glaubwürdigkeit, oder einfach nur der mit Kommerz erkauften Toleranz der Heteros dienen soll!

Doch hinter der Adoptionsverweigerung stehen Vorurteile, die einfach nicht bearbeitet werden wollen! Der „Pädophilie“-Vorwurf dahinter muss hervorgezerrt und in der Öffentlichkeit diskutiert werden – natürlich bei Vätern, nicht bei Müttern! Und wenn ich schon gerade beim Thema „Übergriffe“ bin: Es gibt zahlreiche Mütter und Frauen, die zwar (ihre) Kinder vor „Sexualisierung“ schützen möchten, aber durchaus mit der Sexualität oder Orientierung ihrer Sprösslinge ihre Riesenprobleme haben – und dazu besonders mit der homosexuellen.

Claudia Müller hat in ihrer Arbeit (1) gezeigt, welche Erwartungen sie an die Nachkommenschaft stellen. Und Alexander M. Homes (2) hat in seinem Buch über pädosexuelle Frauen und Mütter auf eine Dunkelzone hingewiesen, die noch immer vom Muttermythos überstrahlt und von der Angst vor Vätern und der hysterisierten Diskussion um TätER and die Wand gedrückt wird.

Ich kann nur immer wieder auf die Untiefen dieser Politiken und Sexismen hinweisen! Wenn die Diskriminierung in der Öffentlichkeit zuschlägt, ist die organisierte Schwulenschaft nicht vorbereitet darauf! Ich finde es ganz gut, dass die Parole „Arbeit für alle statt Ehe für alle!“ in Paris erschollen ist! Aber die Schwulen sind so darauf ausgerichtet, dass sie die Zeichen der Zeit nicht erkennen und danach handeln (wollen).

Peter Thommen_63, Schwulenaktivist, Basel

*Gemäss  „40 Jahre habs ist die Schwulengruppe am 1. Mai 1975 erstmals aufgetreten (S.  9, als erste HA-Gruppe überhaupt!) Das Flugblatt hatte den Titel: „Was haben Rothaarige und Schwule gemeinsam?“

P.S. Ein CSD in den USA kann heutzutage durchaus von Grossindustrien dominiert werden!

Erste Mai-Rede von Florian Vock (23), Jungsozialisten und schwul, in Lenzburg

1)  Claudia Müller (Pädagogin): Mein Sohn liebt Männer, 2008, eine qualitative Studie über 5 Mütter)

2) Alexander Markus Homes: Von der Mutter missbraucht. Frauen und die sexuelle Lust am Kind, 2005, 458 S. (Nicht zu verwechseln mit der US-Schriftstellerin A.M. Homes!)

Keine Homosexuelle Liste bei den Grossrats-Wah-len in Basel 2012

Samstag, Oktober 6th, 2012

Die Zeiten haben sich geändert und die hetero Gesellschaft ist 2012 mit „wichtigeren“ Problemen beschäftigt, als mit unseren Anliegen.

Von draussen auf der Strasse ist der Homo wieder hinein ins traute Heim – an den Computer und die Kontaktportale – zurückgekehrt. Jeder ist wieder selber seines Glückes Schmied. Es gibt die guten und glücklichen Homosexuellen, die brav heiraten und ihre Eheprobleme auf die genau gleiche Art lösen wie die Heterosexuellen, und es gibt die schlechten und unglücklichen Schwulen, die „herumirren“ im öffentlichen Raum, oder in Saunen und Bars „herumsauen“. Oder wie die Psychoanalytikerin Jyoce McDougall 1978 schrieb: „Die fröhliche ‚Tunten’-Welt der Homosexuellen wird in zahlreichen Bars vorgeführt, doch ihre Farbenpracht und „gaiety“ verbergen nur notdürftig ihre depressiven und häufig quälenden Aspekte.“ (1) Sie bezeichnet das auch als „Ruinen einer zusammengebrochenen Illusion“. (Natürlich wäre das auch in den heterosexuellen „Milieus“ ausserhalb der Familien auszumachen!)

Doch während die Heterosexuellen für jedes ihrer Probleme eine spezielle Beratungsstelle haben, vom Kind, über die Eheberatung, die Kita, Tagesschule, Scheidungsanwalt, Alimentenbevorschussung – um nur die bekanntesten zu nennen, gibt es trotz staatlich „Eingetragener Partnerschaft“ (was viele Homos mit „verheiratet“ bezeichnen) noch keine staatliche Beratungsstelle in unserem Kanton für die Probleme in der Folge davon. Und das Adoptionsrecht ist ja eine Sache auf nationaler Ebene…

Die Jugendgruppe („anyway“) hat zwar im Jugendtreff der BFA, Neubadstrasse „Unterschlupf“ gefunden, aber weder im Jahresbericht, noch auf der homepage dieser Institution findet sich ein unterstützender Hinweis darauf. Man ist halt nur eingemietet…

Homosexuelle Liste Basel (1988-2008) Flyer 1988 (PDF)

Im Jahr 1987 forderte der offen homosexuelle Grossrat Erwin Ott (POB) von der Regierung eine staatliche Einrichtung für die Beratung von Homosexuellen – insbesondere von Jugendlichen. Die Antwort der Regierung, unter Federführung von Peter Facklam (LDP, 1980-1992) war „eine Katastrophe“. Insbesondere das Interview am Radio DRS ! (PDF)

In der Folge politisierte dies eine Anzahl Schwule und Lesben. Es wurde beschlossen, für die anstehenden Parlamentswahlen eine eigene Liste aufzustellen! Begossen wurde es im ARCADOS-Buchladen – damals an der Rheingasse 69 – mit einem Schluck Weisswein.

Doch nicht alle Betroffenen und „nicht Betroffenen“ hatten daran eine Freude! Eine erste Reaktion kam aus der linken Ecke von Antoine Schaub (PDF) René Reinhard (PDF) argumentierte am Beispiel der „Frauenliste“ für die HLB. (1991)

Aus dem Abendblatt 66/1987: „Es gibt einige Bürger, welche über die ‚Homosexelle Liste Basel’ lächeln. (Die schaffen’s doch nie!) Es gibt Polit-Schwule, die sich über die HLB ärgern. (Die nehmen uns Stimmen weg!) Es gibt auch ‚brave und anständige’ Homosexuelle, welche den Kopf schütteln. (Die spinnen doch alle!) (Abend Blatt 67’88 (PDF)

Es gibt viele Männer, die ‚tun es privat zuhause’ oder ‚zu gewissen Zeiten’ und ‚an gewissen Orten’. Sie tun das, was – wie sie glauben – ‚erlaubt’ sei, was ‚niemanden was angeht’.

Viele der älteren Homosexuellen, und auch wir von der 70er Generation, wir haben lange gewartet, bis ‚es in der Gesellschaft soweit’ war, bis wir den Leuten ‚unsere Homosexualität zumuten konnten.“

„Partikularismus wird der Homosexuellen Liste vorgeworfen! Aber die ‚gewerbefreundliche’, die ‚familienfreundliche’, oder die ‚Sport fördernde’ und die ‚weniger Staat und mehr Freiheit’ verkündete Politik der Etablierten wird kritiklos akzeptiert…

Den Frauen wird mehr ‚Gefühl in der Politik’, soziales Verständnis und Naturverbundenheit attestiert. Alles Gründe, sie in die Machtzentren der Gesellschaft zu hieven.

Schwule wissen, was Diskriminierung heisst. Sie kennen ein ‚Mehrheitsbewusstsein’, Normalität/Abnormalität. Schwule kommen aus der ‚Normalität’ und werden mit fortschreitendem Bewusstsein abgedrängt. Sie bauen mehr oder weniger an Strategien zur Selbsterhaltung. (siehe oben McDougall!) Sie entziehen sich, oder stellen sich der Heterosexualisierung. Sie lernen, Schizophrenien zu ertragen, lassen sich zweiteilen oder schlüpfen in den Januskopf.

Und da kommen irgendwelche gescheiten Leute und behaupten, wir seien nicht stark genug, politisch unwissend und unbedarft! Genau: niemand hat Interesse, dass wir unsere Erfahrungen verarbeiten und gezielt einsetzen lernen! Wir würden die Spiele der Normalen und Mächtigen zu sehr durchkreuzen. …In diesem System laufen emanzipierte Schwule quer. Sie können allenfalls als ‚Kuriosität’ noch von Interesse sein.

Schwule liefern unserer Kultur eine Vielfalt an Formen und Gestaltungen, die die ‚Normalen’ zu faszinieren vermag, weil sie damit auf ihre eigene Vielfältigkeit angesprochen werden. Gleichzeitig ist der Normdruck der Herrschenden so gross, dass in ihnen das ‚Chaos’ der Individualität/Abnormalität nicht selber ausbrechen kann.“ (Abendblatt Nr. 68, vom 30.1.1988)

Am 17. September 2012 habe ich auf arcados.com festzuhalten versucht, wie auch Frauen die Bedürfnisse von Schwulen einfach ignorieren, wie das fast alle Mütter – ja und auch Grossmütter tun. Das Versteckspielen und das „Unehrlichsein“ fängt bei den leiblichen Eltern an und wird unter der Übermacht der Familie von den Kindern übernommen. Hingegen müssen dann die Freunde und Liebhaber die „Ehrlichen“ spielen, wie wenn wir das einfach so „umdrehen“ könnten, besonders dann, wenn endlich „der Richtige“ mit der grossen Liebe kommt.

Ihr habt es gesehen – und werdet es noch sehen: Seit Erwin Ott hat kein offen schwuler Grossrat mehr schwule Interessen politisch vertreten!

Peter Thommen_62, Schwulenaktivist, Basel

Thommen: Zur Geschichte der HLB 1988

Rückblick auf die HLB im Nationalrats-Wahlkampf 1991

HLB 2008, zum letzten, Caspar Reimer in .ch 16.6.08

1) McDougall, Joyce: Plädoyer für eine gewisse Anormalität, stw 844, 1989 (Paris 1978)

 

die gayszene

Dienstag, Februar 8th, 2011

Vom Überlebensraum zum diskriminierten Ghetto

Heute blicken viele Junghomos auf die sogenannte „gay Szene“ hinab – während sie selber sich in der „sauberen“ virtuellen Gayszene – tummeln. Für unsere Vorfahren war aber eine – wie auch immer geartete – Szene „überlebenswichtig“. Schon immer hatten mich die Türen mit Guckloch in der deutschen Gayszene an die Geschichte der Schwulen erinnert. Ein Relikt aus gefährlichen Zeiten…

Doch auch bei uns war die „schwule Welt“ lange Jahrzehnte hinter Türen verborgen. Sowohl zum Schutz der Gesellschaft (!) als auch als Schutz vor der heterosexuellen Gesellschaft gedacht. Ich erinnere an die wechselnden Lokalitäten für die Anlässe des Kreis in den 50er und 60er Jahren in Zürich: „1961 – Trotz Fürsprache von Behörden und Persönlichkeiten verliert „Der Kreis“ sein Clublokal. Eine verleumderische Presse-Kampagne, vor allem in der Zürcher „Tat“ (ex Migros-Zeitung!), diskriminierte unsere Minderheit.“ (Club68, Nr. 1/1968)

Der KREIS-Club verliert sein Lokal in der «Eintracht / Theater am Neumarkt»: Ein Tanzverbot auf dem Gebiet der Stadt Zürich – gilt ausschliesslich für Homosexuelle.

Die Homosexuellen Arbeitsgruppen Basel forderten von Anfang an von den Stadtbehörden ein Lokal für Veranstaltungen. 1975 war es soweit. „Die staatliche Liegenschaftsverwaltung vermietete ihr ein Lokal (Ein altes Plattengeschäft hatte geschlossen, PT) im Volkshaus-Komplex. Sie stellte aber Bedingungen: „Von aussen dürfe nicht erkennbar sein, dass darin Schwule verkehren würden und im Hof sei es Männern nicht gestattet, sich zu küssen.“ (Männergeschichten, 1988, S. 111)

Heutzutage gibt es nur noch ganz wenige fixe Disco-Lokale, die täglich geöffnet haben. Die meisten Events finden „resident“ in hetero Clubs statt. Statt beständige Gaylokale gibt es immer wieder neue und wieder verschwindende Labels, die sich gegenseitig konkurrenzieren. Oft finden die gayevents an jenen Abenden statt, an denen bei den Heteros nicht viel läuft. Um die Schliessung von gay Lokalen zu verhindern, wurden vor einigen Jahren sogar Darkrooms eingerichtet, in denen jeder unkompliziert und anonym Sex machen konnte. Die aufwändigen Glitter- und Glamourshows mit Kostümen, Diven und Tunten sind verschwunden. An ihre Stelle sind Markenklamotten getreten. Statt Cocktails und Cola gibt’s Tabletten, um „drauf“ zu kommen, und nochmals Tabletten, um wieder davon herunter zu kommen. Ganz zu schweigen von den „Pflicht-Medis“ für HIV+ oder solche mit AIDS…

Auch die Event-Zeiten haben sich verändert. Die Liberalisierung der Öffnungszeiten hat das schwule Leben von der Abend- in die Morgenzeit verschoben. Egal ob man zur Arbeit gehen muss, oder ausschlafen kann. Das Personal muss natürlich auch „länger aufbleiben“!

Im grossen und ganzen könnte man sagen, die Weltstädte haben in den Dörfern die Schwulen eingeholt. Und egal wo auf der Welt gerade ein Gay anreist oder abreist, es ist immer dasselbe – die Infrastruktur, die Einrichtungen, die Öffnungszeiten, die Mode, die Musik, das Verhalten – Life sucks!

Das Internet hat wohl nun „alle Männer mit homosexuellen Bedürfnissen“ untereinander vernetzt? Sind die jahrhundertealten Klappen/Toiletten nun ins Internet umgezogen?? (haha!)

Nein umgekehrt: Die Männer sind von den Klappen in die schwulen Dating-Portale umgezogen. Es ist für die meisten wohl einfacher, sich da einzuloggen, als über die Schwelle eines Lokals zu treten. Und sei es auch nur eine „seriöse“ gay Sauna, in der sie keine Faker vorfinden, sondern realen Sexualkontakt haben könnten. Auch daran sehen wir die Grenzen der heterosexuellen Toleranz! Sie zeigt sich eben nicht an einer ausbleibenden Diskriminerung, sondern an der Ignoranz, die sie an Männer weiter gibt, die ihre homosexuellen Bedürfnisse weiterhin anonymisieren und verstecken. Solange dieser soziale Mechanismus nicht durchbrochen wird – von den Heteros, nicht den Männern – wird sich an der realsexuellen Situation der „Homos“ nichts ändern! Viele User auf den schwulen Internetseiten sind gar nicht schwul, oder gar gay = fröhlich. Sie benutzen diese Infrastruktur nur, um sich vom sexuellen Druck zu entlasten, während zuhause das Abendessen mit der Familie, oder der liebevoll kochende Freund wartet. Auf blauen Seiten stinkt’s eben nicht nach Urin…

Es gibt auch eine Gruppe von älter werdenden Schwulen und Männern, die fest damit gerechnet hatten, ihr Leben lang ihre homosexuellen Bedürfnisse auf Klappen entsorgen zu können – auch ohne Freund oder Familie. Die sind jetzt echt frustriert!

Aber letztlich geht es nur darum, Verantwortung für seine Sexualität und ihre Bedürfnisse zu übernehmen, oder dieser auszuweichen. Dazu muss einer nicht mal eine Klemmschwester sein. Je mehr ein Ort oder eine Applikation „sich rosa färbt“, desto distanzierter geben sie sich dazu. Dabei haben Heteros schon lange ihre Orte, die sich mit roten Lampen schmücken, ohne dass sie deswegen um ihren „heterosexuellen Ruf“ fürchten müssten.

„Anders als viele Lesben und Schwule haben Heterosexuelle eine „öffentliche Szene“, in der sie ihre Partner und Partnerinnen finden – das Leben. In der Schule, im Büro, in der Firma, während einer Reise, auf einer Party, beim Sport, in der Strassenbahn, auf dem Wochenmarkt … und in dieser Normalität finden sich die meisten Paare.“ (Braun/Martin, S. 22)

An diesen Orten finden aber auch sehr viele sexuelle Grenzüberschreitungen statt, weil nicht immer allen (möglichen) Beteiligten klar ist, was der/die Andere wirklich will. Daher ist das Verhalten in der hetero Szene auch nicht immer „normal“, weil ja aus der harmlosen Situation heraus, „der Faden für das sexuelle Interesse“ abrupt „eindeutig“ aufgenommen werden muss. Da können weltengrosse Spalten klaffen – nach einem solchen „(hetero)sexuellen coming out“. Darüber lesen wir auch fast jeden Tag in den Zeitungen.

Es wundert mich immer wieder, wie Junghomos sich ausdrücklich verbitten, auf homoSEXUELLEN Datingportalen „angemacht“ zu werden. Dabei werden sie nur mit den „Tatsachen des Lebens“ konfrontiert, die halt eine naive Perspektive gehörig stören können. Ganz zu schweigen von den „Arschgesichtern“ die da als Profilbilder herum geboten werden. Es ist witzig, wie das neue MANNSCHAFT-Magazin aus Bern als Printmedium ebenfalls versucht, ein Bild von Schwulen abzugeben, das quasi „frei ist von sexuellen Elementen“. Es erinnert mich an die alten Schwestern aus den 40er Jahren, die genauso verharmlosend auftraten, sich von jedem Stricher (hs Prostitution war damals verboten) lauthals distanzierten und noch heute im Projekt „Schwulengeschichte“ in der Broschüre behaupten: „Es geht um Liebe“. Wahrscheinlich hören sie noch immer im Unterbewussten ihre Mütter sagen: „Ich will meinen kleinen unschuldigen Jungen wieder haben…“

Spätestens seit AIDS sollte dies gegenüber den Heteros überflüssig geworden sein. Denn alle, die immer behauptet hatten, sie würden sich niemals in den Arsch ficken lassen, oder es selber tun, wurden Lügen gestraft. Diese aktuelle „öffentliche Rückkehr zur Unschuld“ ist schon erstaunlich! Dabei geht es im Internet, an anonymen Orten, auf Parties und in den Wohnungen und Schlafzimmern zusammenlebender Männer (was auch eine Szene ist) vorwiegend ganz anders zu. Eigentlich genauso wie bei den Heteros!

Wir haben es versäumt, oder keine Zeit gehabt wegen AIDS, eine homosexuelle Sexualkultur zu entwickeln. Stattdessen haben wir die „Schwulenehe“ eingeführt und hangeln uns den gleichen Problemen entlang wie Heteros. Doch während bei denen klar ist, wer Nonne und wer das Schwein spielen soll, können sich unsere „Schwestern“ mal wieder nicht einig werden – nur „vereinigen“ – Ihr wisst was ich meine! 😛

Peter Thommen, Schwulenaktivist (61), Basel

Hier eine ältere Diskussion: „Vor dem Ende des Homo-Milieus?“ (2009) mit Kommentaren

hetero bashing? Bin ich gegen „hetero“?

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