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„verpass keine Party mehr!“

Freitag, März 22nd, 2013

Der „Homo“ oder Schwule schwankt in seinem Leben ständig zwischen Provinz und Weltstadt. Das einsame Landei geht in die Stadt, um „Seinesgleichen“ zu finden – und hat er seinen „Mr. Right“ gefunden, dann zieht er mit ihm in eine schöne Wohnung wieder aufs Land, für die traute Zweisamkeit.

Der Stadt-Schwule irrt zwischen der Gaybar und dem Stadtpark hin und her. In der einen leidet er an der Enge der familiären Atmosphäre und im anderen sucht er nach dem „unbekannten Mann, Schwulen, oder gar Hetero…

Es gab schon immer welche, die sich nicht nur mit Schwulen begnügten, sie wollten auch vom „heterosexuellen Honig“ naschen. Sogar ein Transsexueller erklärte mir schon vor über vierzig Jahren, dass er sich umbauen liesse, damit er „mit allen Männern“ schlafen könne…

Dieses ständige Einbrechen in neue Räume, in neue „in-Lokale“ und Wiederausbrechen aus familiärer Enge gerade derselben, ist wohl die Parallele zur heterosexuellen Ehe und dem sie begleitenden „Rotlichtmilieu“ mit dem praktischen Hinterausgang aus dieser.

Der „Pomo-Homo“ – also der postmoderne Homo, wie ich ihn in einem US-Roman gefunden habe – schaffte sich seit Jahrhunderten eine bürgerliche Kiste, mit Notausgang in die „weite Welt“, sozusagen. Und nur selten wird die „eingetragene Partnerschaft“, oder eben die bürgerliche Kiste, in die anderen Welten mitgenommen. Man könnte sich (Ihn) ja in ihnen wieder verlieren…

Auf die diversen Fetisch-Veranstaltungen und Fetischlokale möchte ich jetzt nicht näher eingehen. Aber auch diese sind bemühende Intimsphären-Konstrukte, die aber wiederum davon leben, dass aus allen Richtungen ständig neue und fremde Männer anreisen, um die Stimmung anzuheben. Während die Heteros eine Zeitlang ihre „Swingerparties“ hatten, an denen Mutter und Vater als Pärchen jeweils mit einem anderen Pärchen, oder Vater und Mutter fickten, gibt es da jetzt auch schon „postmoderne Sex-Clubs“.

In den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, mussten sich Homosexuelle in privaten Clubs oder angemieteten Sälen verstecken, um ungezwungen tanzen und fröhlich sein zu können. Oder dann in den 70ern mischten sie sich unter die offener gewordene Tanzkultur der Heteros, die aufgehört hatten, als Pärchen zu tanzen. Aber schon bald suchten die Homosexuellen Arbeitsgruppen nach eigenen Räumen, um auch eigene Parties auf eigene Rechnung durchführen zu können. Paartanzen war bei Heteros nicht möglich und die Gays waren ja immer führend in der neuen Musik gewesen!

Das alles tönt heute wie vergangener Schall aus unwirklichen Zeiten. Der postmoderne Homosexuelle pflegt seine familiären Bedürfnisse über die sozialen Netzwerke und sein Iphone mit den speziellen Apps. Den Duft der grossen weiten Welt sucht er an den Parties diverser Städte und Clubs. Sein Appetit ist gewaltig und der Erlebnishunger wird auf immer neue Art, mit Dekos und Labels und eingeflogenen DJs und DJanes erhalten. Frühlings- und Herbstfeste, Maibälle und periodische Parties in den Bars – darüber können wir nur noch müde lächeln…

Die heutigen Zeiten sind professioneller, geschäftstüchtiger und härter geworden. So schnell wie die Flyer, ihren Style und die Parties ihr Lokal wechseln, haben nicht mal die Schwulen ihre Partner getauscht! Und vom Drogenkonsum will ich gar nicht anfangen. Ich will darauf hinaus, dass der Mensch, seine Bedürfnisse und seine Erlebnisse regelrecht zu kurz kommen und mit Material verstopft werden. Diverse Ab-hängigkeiten sind neu geregelt.

Schon die Junghomos – also diejenigen, die noch keine Schwanzvergleiche machen und Pornos untereinander austauschen – befinden sich im Veranstaltungs- und Konsumstress. Sie fühlen sich verpflichtet, „in“ zu sein und es den „grossen“ möglichst nach-zumachen – wie die meisten hetero Jungs auch. Jede Party ist gefährlich und gnadenlos wie ein Pausenplatz vor der Schule. Und diese wiederum funktionieren wie ein Hühnerhof mit Gockeln und Hennen. Statt Schnäbelhacken gibt’s Klatsch und Tratsch und das outfit der Jungs sind die Schwanzfedern des Hahnes. Nicht jeder, der da selbstbewusst auftritt, kann auch zuhause der Familie in die Augen schauen. Aber wen interessiert das?

Die „Pornoerfahrenen“ wiederum müssen jede „Sauerei“ ausprobieren, denn „das Leben ist ja kurz und verschissen wie eine Hühnerleiter“! Orgasmen werden aufgehäuft wie die Schwänze, die möglichst gross sein sollten. So denn jemand nicht Auto fährt, oder ein Zugsabo hat, oder gar ein Flugticket, wird ihm bald langweilig werden…

Keine Zeit zum Innehalten, zum Verarbeiten der Eindrücke, zum Kennenlernen von Menschen. Jeder Fick wird zum ultimativen, jedes Lächeln zum Bewerbungsschreiben an Mr. Right. Egal ob zuhause die „eingetragene Partnerschaft“ wartet, oder mann sich überraschen-derweise in einem Darkroom zufällig wieder trifft.

Diese Gaycommunity ist ein Geschäftsmodell und sie wird solange Bestand haben, wie sie einträglich ist – für Wenige. Und damit verbunden auch die Plattformen und Apps. Die Pics, die Sixpacks und die Klamotten. So schnell wie sie entstanden ist mit den elektronischen Medien, so schnell wird sie auch wieder verschwinden. Nichts ist altmodischer als der Fick von gestern und die Droge von vorgestern. Aber es interessiert keinen.

Peter Thommen_63, Schwulenaktivist, Basel

Junge Schwule und die HABS 1974-80 (Kontiki 20, 1’1980)

Thommen: Schwules Leben in der Stadt, 1977-97

Homo-Kultur 2010 (HabInfo 9)

 

Gästebuch

 

 

 

Keine Homosexuelle Liste bei den Grossrats-Wah-len in Basel 2012

Samstag, Oktober 6th, 2012

Die Zeiten haben sich geändert und die hetero Gesellschaft ist 2012 mit „wichtigeren“ Problemen beschäftigt, als mit unseren Anliegen.

Von draussen auf der Strasse ist der Homo wieder hinein ins traute Heim – an den Computer und die Kontaktportale – zurückgekehrt. Jeder ist wieder selber seines Glückes Schmied. Es gibt die guten und glücklichen Homosexuellen, die brav heiraten und ihre Eheprobleme auf die genau gleiche Art lösen wie die Heterosexuellen, und es gibt die schlechten und unglücklichen Schwulen, die „herumirren“ im öffentlichen Raum, oder in Saunen und Bars „herumsauen“. Oder wie die Psychoanalytikerin Jyoce McDougall 1978 schrieb: „Die fröhliche ‚Tunten’-Welt der Homosexuellen wird in zahlreichen Bars vorgeführt, doch ihre Farbenpracht und „gaiety“ verbergen nur notdürftig ihre depressiven und häufig quälenden Aspekte.“ (1) Sie bezeichnet das auch als „Ruinen einer zusammengebrochenen Illusion“. (Natürlich wäre das auch in den heterosexuellen „Milieus“ ausserhalb der Familien auszumachen!)

Doch während die Heterosexuellen für jedes ihrer Probleme eine spezielle Beratungsstelle haben, vom Kind, über die Eheberatung, die Kita, Tagesschule, Scheidungsanwalt, Alimentenbevorschussung – um nur die bekanntesten zu nennen, gibt es trotz staatlich „Eingetragener Partnerschaft“ (was viele Homos mit „verheiratet“ bezeichnen) noch keine staatliche Beratungsstelle in unserem Kanton für die Probleme in der Folge davon. Und das Adoptionsrecht ist ja eine Sache auf nationaler Ebene…

Die Jugendgruppe („anyway“) hat zwar im Jugendtreff der BFA, Neubadstrasse „Unterschlupf“ gefunden, aber weder im Jahresbericht, noch auf der homepage dieser Institution findet sich ein unterstützender Hinweis darauf. Man ist halt nur eingemietet…

Homosexuelle Liste Basel (1988-2008) Flyer 1988 (PDF)

Im Jahr 1987 forderte der offen homosexuelle Grossrat Erwin Ott (POB) von der Regierung eine staatliche Einrichtung für die Beratung von Homosexuellen – insbesondere von Jugendlichen. Die Antwort der Regierung, unter Federführung von Peter Facklam (LDP, 1980-1992) war „eine Katastrophe“. Insbesondere das Interview am Radio DRS ! (PDF)

In der Folge politisierte dies eine Anzahl Schwule und Lesben. Es wurde beschlossen, für die anstehenden Parlamentswahlen eine eigene Liste aufzustellen! Begossen wurde es im ARCADOS-Buchladen – damals an der Rheingasse 69 – mit einem Schluck Weisswein.

Doch nicht alle Betroffenen und „nicht Betroffenen“ hatten daran eine Freude! Eine erste Reaktion kam aus der linken Ecke von Antoine Schaub (PDF) René Reinhard (PDF) argumentierte am Beispiel der „Frauenliste“ für die HLB. (1991)

Aus dem Abendblatt 66/1987: „Es gibt einige Bürger, welche über die ‚Homosexelle Liste Basel’ lächeln. (Die schaffen’s doch nie!) Es gibt Polit-Schwule, die sich über die HLB ärgern. (Die nehmen uns Stimmen weg!) Es gibt auch ‚brave und anständige’ Homosexuelle, welche den Kopf schütteln. (Die spinnen doch alle!) (Abend Blatt 67’88 (PDF)

Es gibt viele Männer, die ‚tun es privat zuhause’ oder ‚zu gewissen Zeiten’ und ‚an gewissen Orten’. Sie tun das, was – wie sie glauben – ‚erlaubt’ sei, was ‚niemanden was angeht’.

Viele der älteren Homosexuellen, und auch wir von der 70er Generation, wir haben lange gewartet, bis ‚es in der Gesellschaft soweit’ war, bis wir den Leuten ‚unsere Homosexualität zumuten konnten.“

„Partikularismus wird der Homosexuellen Liste vorgeworfen! Aber die ‚gewerbefreundliche’, die ‚familienfreundliche’, oder die ‚Sport fördernde’ und die ‚weniger Staat und mehr Freiheit’ verkündete Politik der Etablierten wird kritiklos akzeptiert…

Den Frauen wird mehr ‚Gefühl in der Politik’, soziales Verständnis und Naturverbundenheit attestiert. Alles Gründe, sie in die Machtzentren der Gesellschaft zu hieven.

Schwule wissen, was Diskriminierung heisst. Sie kennen ein ‚Mehrheitsbewusstsein’, Normalität/Abnormalität. Schwule kommen aus der ‚Normalität’ und werden mit fortschreitendem Bewusstsein abgedrängt. Sie bauen mehr oder weniger an Strategien zur Selbsterhaltung. (siehe oben McDougall!) Sie entziehen sich, oder stellen sich der Heterosexualisierung. Sie lernen, Schizophrenien zu ertragen, lassen sich zweiteilen oder schlüpfen in den Januskopf.

Und da kommen irgendwelche gescheiten Leute und behaupten, wir seien nicht stark genug, politisch unwissend und unbedarft! Genau: niemand hat Interesse, dass wir unsere Erfahrungen verarbeiten und gezielt einsetzen lernen! Wir würden die Spiele der Normalen und Mächtigen zu sehr durchkreuzen. …In diesem System laufen emanzipierte Schwule quer. Sie können allenfalls als ‚Kuriosität’ noch von Interesse sein.

Schwule liefern unserer Kultur eine Vielfalt an Formen und Gestaltungen, die die ‚Normalen’ zu faszinieren vermag, weil sie damit auf ihre eigene Vielfältigkeit angesprochen werden. Gleichzeitig ist der Normdruck der Herrschenden so gross, dass in ihnen das ‚Chaos’ der Individualität/Abnormalität nicht selber ausbrechen kann.“ (Abendblatt Nr. 68, vom 30.1.1988)

Am 17. September 2012 habe ich auf arcados.com festzuhalten versucht, wie auch Frauen die Bedürfnisse von Schwulen einfach ignorieren, wie das fast alle Mütter – ja und auch Grossmütter tun. Das Versteckspielen und das „Unehrlichsein“ fängt bei den leiblichen Eltern an und wird unter der Übermacht der Familie von den Kindern übernommen. Hingegen müssen dann die Freunde und Liebhaber die „Ehrlichen“ spielen, wie wenn wir das einfach so „umdrehen“ könnten, besonders dann, wenn endlich „der Richtige“ mit der grossen Liebe kommt.

Ihr habt es gesehen – und werdet es noch sehen: Seit Erwin Ott hat kein offen schwuler Grossrat mehr schwule Interessen politisch vertreten!

Peter Thommen_62, Schwulenaktivist, Basel

Thommen: Zur Geschichte der HLB 1988

Rückblick auf die HLB im Nationalrats-Wahlkampf 1991

HLB 2008, zum letzten, Caspar Reimer in .ch 16.6.08

1) McDougall, Joyce: Plädoyer für eine gewisse Anormalität, stw 844, 1989 (Paris 1978)

 

Solidarität mit Christopher…

Dienstag, Juni 21st, 2011

„Wir sind eine schlechte Community wenn es darum geht, uns selbst zu helfen, ganz besonders Jugendlichen. Vielleicht liegt es daran, dass viele von uns keine Kinder haben.“ (George Michael, zitiert nach Mannschaft-Magazin vom Juni 2011, S. 22)

Ich habe keine Ahnung, wie er auf sowas kommen kann. Heterosexuelle Eltern haben auch Kinder und sind untereinander unsolidarisch.

Eine Erfahrung hat sich für mich in den Jahrzehnten des schwulen Buchladens immer mehr konkretisiert: Schwule lesen im Allgemeinen ganz gerne Jugendbücher, worin ein coming out, oder die (schwule) Jugendliebe thematisiert wird.

In der letzten Zeit habe ich eine ganze Reihe von Kinder- und Jugendbüchern über schwule Jungs gelesen. Mit dieser Literatur versuchen sich auch immer wieder Frauen. Dann allerdings begegne ich darin den „Schwulen ohne Unterleib“. Das hat wohl seine anatomischen und erzieherischen Gründe. Und während Leser solcher Bücher sehr schnell in den Verdacht der Pädophilie geraten, bleiben auffälligerweise die AutorINNen davon verschont.

Es sind meistens – nicht immer – „einsame“ Geschichten, voller Enttäuschungen, Hoffnungen und Sehnsüchte. Darin vermisse ich die Solidaritätserfahrung ganz stark – mit anderen Jungs (es geht halt oft um Konkurrenz), oder von Heteros mit schwulen Jungs. In diesen Geschichten fällt das höchstens einer „besten Freundin“ auf.

Solidarität heisst sinngemäss, seine solitäre Situation herzugeben (dare). Auf Kosten des eigenen und besseren Status, sich mit Einem oder mehreren Anderen verbinden…

In der Realität kämpft meistens Jeder gegen Jeden. Oft gilt der Kampf mit dem Anderen symbolisch den eigenen Gefühlen, oder entspricht nach der heterosexuellen Moral dem Hahn, der möglichst viele – oder die Schönsten – in sein Nest zwingen möchte. Nach dieser Methode gibt es keine solidarischen Gruppen, nur solche, die wie „Banden“ sich einem Führer unterwerfen, um für ihn, oder gegen „die Anderen“ zu kämpfen… Das ist heterosexuelle Tradition. Aber müssen wir das übernehmen?

„Homosexuelle Tradition“ habe ich in der Schwulenbewegung auch noch erlebt als „Bettverwandtschaften“. Das heisst, dass ich in einem von mir selbst gewählten Kreis von anderen Schwulen Erfahrungen sammeln konnte, ohne immer gleich mit „der Liebe für das ganze Leben“ zu spielen. Ich habe auch bald einmal gemerkt, dass mir der Herzschmerz viel eher vergeht, wenn ich mich von Anderen und/oder von einem meiner Ex-Sexpartner emotional und auch sexuell trösten lasse. (Eben nicht von der „besten Freundin“!)

Das schlechte Gefühl bei einer Trennung hatte für mich also nichts mit einer falschen Liebe, sondern mit meinem Minderwertigkeitskomlex zu tun. Wenn Lover uns fallen lassen (das kann akzeptable objektive Gründe haben!), dann müssen andere Freunde an deren Stelle treten und uns wie in einem gewebten Netz auffangen. (Auch solche, die bereits „vergeben“ sind könnten das!) Dadurch erlebe ich Solidarität!

Wer seine wichtigsten emotionalen und sexuellen Kontakte immer nur erlebt, als sei er an einer einzigen Nabelschnur aufgehängt, der wird sich dauernd „verletzen“, „enttäuschen“, etc. Daraus ergibt sich der Spruch, der auch einmal der Titel eines Buches zum Thema AIDS war: „Wenn ich nicht lieben kann, dann dürfens Andere auch nicht!“ So hängen sich viele Jungs an irgendeinen dominanten Führer (sozial), oder an „die grosse Liebe mit dem Richtigen“ (emotional), dem sie dann meistens nur „dienen“ (oder sich von ihm wie von einer männlichen Mutter bedienen lassen), bis sie ersetzt werden können!

Es kommt immer wieder vor, dass wir selber nur einen temporären wichtigen Teil im Leben eines Anderen sein können. Das ist zu akzeptieren. (Gilt für alle Drama-Queens hier!)

Viele kleine bedeutende Augenblicke im Leben anderer zu sein, ist auf die Länge lebenserhaltender und psychisch gesünder, als der heilige Vulkanausbruch mit dem grossen Desaster hinterher… oder dann wenigstens alles nebeneinander. Und ich schwöre Euch bei allen schwulen Heiligen, davon profitiere ich bis in mein aktuelles Alter hinein! AMEN.

Ich führe meine Gedanken noch etwas ins „Politische“ aus: Als wir in den 70er Jahren als politisch bewusste Schwule am 1. Mai-Umzug neben den Ausländern und Frauen auftauchten, kam mir das Geschrei „Hoch die Internationale Solidarität mit der Arbeiterklasse“ etwas schräg vor. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass diese schreienden Männer solidarisch sein könnten, wenn sie sich nicht mal getrauten, einander die Hand zu geben. Die schauten dann wohl lieber nach der Demo ins Décolleté von Frauen…

Ich kann mich erinnern, dass neu auftauchende Türken, damals auch „Händchen hielten“ untereinander. Später dann auch die Tamilen. Das dauerte aber nicht lange, weil sie von den Heterosexuellen hier als „schwul“ denunziert wurden. Und es iss sehr selten, dass junge Männer sich spontan freundschaftlich zu berühren wagen…

Womit historisch und ethnologisch dokumentiert ist, dass es nicht mal des Schwulseins bedarf, um Gefühle füreinander zu haben und sich solidarisch zu fühlen. Ich komme nicht umhin, das Problem damit dem allgemeinen Heterror anzulasten, der die gleichgeschlechtliche Solidarität zu einer „Kumpelhaftigkeit“ und zum „Hahnenkampf“ untereinander um irgendwelche Frauen pervertiert hat. Allerdings wird sich unter der Hetero-Dominanz der Sexualkontakte, gerade wegen der Eifersucht der Frauen, daran bei den Männern vorläufig nichts ändern. Die Frauen hingegen haben sich im Patriarchat noch viel „Wärme“ erhalten können untereinander, trotzdem es bei ihnen „um den Mann“ geht.

Wir Schwulen wären somit ein Teil der gesamten Männerkultur. Stattdessen wird diese vom Bezug auf die Frauen völlig dominiert. Und diese tragen daran eine pädagogische und gesellschaftspolitische Mitverantwortung. Denn wie mir klar geworden ist in der letzten Zeit, geht es nicht nur um die Emanzipation der Homosexualität, oder der Schwulen, sondern auch darum, alle anderen heterosexuellen Männer und Macker „davor zu bewahren“. Der Kampf dagegen gilt nicht nur „der Homosexualität“ sondern auch „für alle anderen Männer“, damit sie „den natürlichen Gebrauch des Weibes“ (Bibel) nicht verlassen…

Solidarität kann nicht auf Befehl verordnet werden. Daher ist es unsinnig, von immer mehr Minderheiten, die sich jetzt von der Heterosexualität abspalten (LGBTAQ…), zu erwarten, plötzlich untereinander „solidarisch“ zu sein.

Dazu kommt die neue Moral, bei der jeder nur für sich selber verantwortlich sei – besonders bei HIV. Jeder soll auf „den Richtigen“ warten, der irgendwo im Leben versteckt sei, oder viele Junghomos wollen nur diesen Richtigen an sich binden und dann in der schönen Wohnung und bis ans Ende in den Sarg – verschwinden. So eine Einstellung erzeugt keine Solidarität.

Früher waren viele Schwule „übers Bett“ miteinander verwandt, weil man – schon verletzt von der Repression – sich nicht auch noch hinterher „fertig machen“ konnte. Diese gemeinsame Nähe meine ich, wenn ich von Solidarität schreibe. Sie ist mit vielen tausend Zweierkisten nicht zu erzwingen.

Wenn Junghomos für ältere Schwule nur Verachtung übrig haben, dann ist das ein grosses Hindernis für Alle. Denn die Diskriminierung der Älteren ist zugleich die Diskriminierung der eigenen Zukunft der Jüngeren. Und dies hängt nicht nur davon ab, dass angeblich „alle Älteren mit Jungs ins Bett wollen – und die Jungs nicht mit ihnen. Denn darüber lässt sich reden.

So mancher Junge, der früher in den 70ern auf die Älteren herabsah, kann heute nicht solidarisch sein, wenn er selber alt geworden ist. Er hat also nichts gelernt. Und so tun es auch heute die Junghomos in gleichem Masse nicht. Und sie werden auch wieder nichts lernen, aus Verachtung gegenüber den Anderen – aber letztlich gegenüber der eigenen Zukunft, die noch unsichtbar ist.

Nicht zuletzt ist es die Aufgabe von Angehörigen von Mehrheiten, mit Angehörigen einer Minderheit solidarisch zu sein, nicht umgekehrt! Und es gibt auch Jungs, die mit Älteren keine Probleme haben, weil sie mit ihnen reden, oder weil sie diese sogar geiler finden als die Gleichaltrigen. Aber da finden auch keine Gespräche und kein Erfahrungsaustausch darüber innerhalb der schwulen Generationen statt!

Dass die Solidarität besonders in den letzten Jahren abhanden kam, ist dem Zeitgeist zuzuschreiben und nicht spezifisch der Homo-Szene. Der Ansatz aber müsste lauten: Da die Homos sich in einem gewissen Ghetto-Freiraum bewegen können, hätten sie das Potenzial, wenigstens etwas in der Homoszene zu ändern, statt nur für sich selber zu schauen. Der Zeitgeist ist der Geist der Anderen und nicht des Ghettos, um das auch mal positiv zu werten!

Vielleicht können sich einige Junghomos die Zweierkiste zwischen 16 und 26 verklemmen und alternative Erfahrungen untereinander im Sex und in den emotionalen Erlebnissen machen. (Statt bis 30 auf den Richtigen zu warten!) Erfahrungen die sie dann auch für eine spätere Zweierkiste gut gebrauchen könnten. Aber es ist einfacher, von der einen Familie zu kommen und sogleich eine neue zu gründen, die wieder die gleichen Gesetze und Abläufe etabliert, wie mann sie schon gehabt hat. Jetzt einfach nur „auf homo“!

So hat Solidarität nichts damit zu tun, ob wir Kinder haben oder nicht. Aber sehr viel damit, wie diese kinderproduzierende Familie und Gesellschaft unser homosexuelles Leben mitbestimmt! Und die angeblich so toleranten schwulen oder lesbischen „Regenbogenfamilien“ werden mit ihren heterosexuellen Kindern eh vollauf selber beschäftigt sein! 😉

Wir sind am 25. Juni zwar auf dem gleichen Schiff, aber leider nicht „alle im gleichen Boot“.

Peter Thommen, Schwulenaktivist_61, Basel

(Überarbeitet am 13.7.11) 

die gayszene

Dienstag, Februar 8th, 2011

Vom Überlebensraum zum diskriminierten Ghetto

Heute blicken viele Junghomos auf die sogenannte „gay Szene“ hinab – während sie selber sich in der „sauberen“ virtuellen Gayszene – tummeln. Für unsere Vorfahren war aber eine – wie auch immer geartete – Szene „überlebenswichtig“. Schon immer hatten mich die Türen mit Guckloch in der deutschen Gayszene an die Geschichte der Schwulen erinnert. Ein Relikt aus gefährlichen Zeiten…

Doch auch bei uns war die „schwule Welt“ lange Jahrzehnte hinter Türen verborgen. Sowohl zum Schutz der Gesellschaft (!) als auch als Schutz vor der heterosexuellen Gesellschaft gedacht. Ich erinnere an die wechselnden Lokalitäten für die Anlässe des Kreis in den 50er und 60er Jahren in Zürich: „1961 – Trotz Fürsprache von Behörden und Persönlichkeiten verliert „Der Kreis“ sein Clublokal. Eine verleumderische Presse-Kampagne, vor allem in der Zürcher „Tat“ (ex Migros-Zeitung!), diskriminierte unsere Minderheit.“ (Club68, Nr. 1/1968)

Der KREIS-Club verliert sein Lokal in der «Eintracht / Theater am Neumarkt»: Ein Tanzverbot auf dem Gebiet der Stadt Zürich – gilt ausschliesslich für Homosexuelle.

Die Homosexuellen Arbeitsgruppen Basel forderten von Anfang an von den Stadtbehörden ein Lokal für Veranstaltungen. 1975 war es soweit. „Die staatliche Liegenschaftsverwaltung vermietete ihr ein Lokal (Ein altes Plattengeschäft hatte geschlossen, PT) im Volkshaus-Komplex. Sie stellte aber Bedingungen: „Von aussen dürfe nicht erkennbar sein, dass darin Schwule verkehren würden und im Hof sei es Männern nicht gestattet, sich zu küssen.“ (Männergeschichten, 1988, S. 111)

Heutzutage gibt es nur noch ganz wenige fixe Disco-Lokale, die täglich geöffnet haben. Die meisten Events finden „resident“ in hetero Clubs statt. Statt beständige Gaylokale gibt es immer wieder neue und wieder verschwindende Labels, die sich gegenseitig konkurrenzieren. Oft finden die gayevents an jenen Abenden statt, an denen bei den Heteros nicht viel läuft. Um die Schliessung von gay Lokalen zu verhindern, wurden vor einigen Jahren sogar Darkrooms eingerichtet, in denen jeder unkompliziert und anonym Sex machen konnte. Die aufwändigen Glitter- und Glamourshows mit Kostümen, Diven und Tunten sind verschwunden. An ihre Stelle sind Markenklamotten getreten. Statt Cocktails und Cola gibt’s Tabletten, um „drauf“ zu kommen, und nochmals Tabletten, um wieder davon herunter zu kommen. Ganz zu schweigen von den „Pflicht-Medis“ für HIV+ oder solche mit AIDS…

Auch die Event-Zeiten haben sich verändert. Die Liberalisierung der Öffnungszeiten hat das schwule Leben von der Abend- in die Morgenzeit verschoben. Egal ob man zur Arbeit gehen muss, oder ausschlafen kann. Das Personal muss natürlich auch „länger aufbleiben“!

Im grossen und ganzen könnte man sagen, die Weltstädte haben in den Dörfern die Schwulen eingeholt. Und egal wo auf der Welt gerade ein Gay anreist oder abreist, es ist immer dasselbe – die Infrastruktur, die Einrichtungen, die Öffnungszeiten, die Mode, die Musik, das Verhalten – Life sucks!

Das Internet hat wohl nun „alle Männer mit homosexuellen Bedürfnissen“ untereinander vernetzt? Sind die jahrhundertealten Klappen/Toiletten nun ins Internet umgezogen?? (haha!)

Nein umgekehrt: Die Männer sind von den Klappen in die schwulen Dating-Portale umgezogen. Es ist für die meisten wohl einfacher, sich da einzuloggen, als über die Schwelle eines Lokals zu treten. Und sei es auch nur eine „seriöse“ gay Sauna, in der sie keine Faker vorfinden, sondern realen Sexualkontakt haben könnten. Auch daran sehen wir die Grenzen der heterosexuellen Toleranz! Sie zeigt sich eben nicht an einer ausbleibenden Diskriminerung, sondern an der Ignoranz, die sie an Männer weiter gibt, die ihre homosexuellen Bedürfnisse weiterhin anonymisieren und verstecken. Solange dieser soziale Mechanismus nicht durchbrochen wird – von den Heteros, nicht den Männern – wird sich an der realsexuellen Situation der „Homos“ nichts ändern! Viele User auf den schwulen Internetseiten sind gar nicht schwul, oder gar gay = fröhlich. Sie benutzen diese Infrastruktur nur, um sich vom sexuellen Druck zu entlasten, während zuhause das Abendessen mit der Familie, oder der liebevoll kochende Freund wartet. Auf blauen Seiten stinkt’s eben nicht nach Urin…

Es gibt auch eine Gruppe von älter werdenden Schwulen und Männern, die fest damit gerechnet hatten, ihr Leben lang ihre homosexuellen Bedürfnisse auf Klappen entsorgen zu können – auch ohne Freund oder Familie. Die sind jetzt echt frustriert!

Aber letztlich geht es nur darum, Verantwortung für seine Sexualität und ihre Bedürfnisse zu übernehmen, oder dieser auszuweichen. Dazu muss einer nicht mal eine Klemmschwester sein. Je mehr ein Ort oder eine Applikation „sich rosa färbt“, desto distanzierter geben sie sich dazu. Dabei haben Heteros schon lange ihre Orte, die sich mit roten Lampen schmücken, ohne dass sie deswegen um ihren „heterosexuellen Ruf“ fürchten müssten.

„Anders als viele Lesben und Schwule haben Heterosexuelle eine „öffentliche Szene“, in der sie ihre Partner und Partnerinnen finden – das Leben. In der Schule, im Büro, in der Firma, während einer Reise, auf einer Party, beim Sport, in der Strassenbahn, auf dem Wochenmarkt … und in dieser Normalität finden sich die meisten Paare.“ (Braun/Martin, S. 22)

An diesen Orten finden aber auch sehr viele sexuelle Grenzüberschreitungen statt, weil nicht immer allen (möglichen) Beteiligten klar ist, was der/die Andere wirklich will. Daher ist das Verhalten in der hetero Szene auch nicht immer „normal“, weil ja aus der harmlosen Situation heraus, „der Faden für das sexuelle Interesse“ abrupt „eindeutig“ aufgenommen werden muss. Da können weltengrosse Spalten klaffen – nach einem solchen „(hetero)sexuellen coming out“. Darüber lesen wir auch fast jeden Tag in den Zeitungen.

Es wundert mich immer wieder, wie Junghomos sich ausdrücklich verbitten, auf homoSEXUELLEN Datingportalen „angemacht“ zu werden. Dabei werden sie nur mit den „Tatsachen des Lebens“ konfrontiert, die halt eine naive Perspektive gehörig stören können. Ganz zu schweigen von den „Arschgesichtern“ die da als Profilbilder herum geboten werden. Es ist witzig, wie das neue MANNSCHAFT-Magazin aus Bern als Printmedium ebenfalls versucht, ein Bild von Schwulen abzugeben, das quasi „frei ist von sexuellen Elementen“. Es erinnert mich an die alten Schwestern aus den 40er Jahren, die genauso verharmlosend auftraten, sich von jedem Stricher (hs Prostitution war damals verboten) lauthals distanzierten und noch heute im Projekt „Schwulengeschichte“ in der Broschüre behaupten: „Es geht um Liebe“. Wahrscheinlich hören sie noch immer im Unterbewussten ihre Mütter sagen: „Ich will meinen kleinen unschuldigen Jungen wieder haben…“

Spätestens seit AIDS sollte dies gegenüber den Heteros überflüssig geworden sein. Denn alle, die immer behauptet hatten, sie würden sich niemals in den Arsch ficken lassen, oder es selber tun, wurden Lügen gestraft. Diese aktuelle „öffentliche Rückkehr zur Unschuld“ ist schon erstaunlich! Dabei geht es im Internet, an anonymen Orten, auf Parties und in den Wohnungen und Schlafzimmern zusammenlebender Männer (was auch eine Szene ist) vorwiegend ganz anders zu. Eigentlich genauso wie bei den Heteros!

Wir haben es versäumt, oder keine Zeit gehabt wegen AIDS, eine homosexuelle Sexualkultur zu entwickeln. Stattdessen haben wir die „Schwulenehe“ eingeführt und hangeln uns den gleichen Problemen entlang wie Heteros. Doch während bei denen klar ist, wer Nonne und wer das Schwein spielen soll, können sich unsere „Schwestern“ mal wieder nicht einig werden – nur „vereinigen“ – Ihr wisst was ich meine! 😛

Peter Thommen, Schwulenaktivist (61), Basel

Hier eine ältere Diskussion: „Vor dem Ende des Homo-Milieus?“ (2009) mit Kommentaren

hetero bashing? Bin ich gegen „hetero“?

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