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Wie lieben ältere Schwule? (2) *

Samstag, April 19th, 2014

Der Tod in Venedig, von Thomas Mann, wird wohl nur darum noch nicht zu den jugendgefährdenden Schriften gezählt, weil er ein Kunstwerk ist. Diese sind nach Gesetz von Beschlagnahme ausgenommen.

Die heterosexuelle Gesellschaft regt sich schrecklich über „die Pädophilie“ auf. Damit sticht sie gezielt in ein schwules Wespennest. Erstens werden ältere Schwule in dieses Klischee gepresst und zweitens finden Hetero/as schwule ältere Paare dann ausdrücklich „herzig“, gefahrlos und tolerierbar. Ich möchte aber weder im einen, noch im anderen Klischee schon vor dem körperlichen Tod begraben werden!

Über die Tatsache, dass viele Heteras schon nach den Vierzig mit dem Sex mit ihren Männern aufhören möchten (Studie) und die starke Tendenz von Heteros zu jüngeren Frauen, will ich mal tolerant hinwegsehen. Nicht zuletzt werden erwachsene Frauen, die „es mit Knaben treiben“ einfach nicht ernst genommen. Nicht mal eine 43jährige Lehrerin mit ihrem 14jährigen Schüler. Das so oft beklagte Machtgefälle wird mangels eines erwachsenen Penis – und das ist das Entscheidende! – nicht befürchtet. Da können dann erwachsene Männer in Leserkommentaren auf Zeitungsblogs öffentlich davon schwärmen, dass sie in ihrer Kindheit auch immer von sowas geträumt hätten… Und habe ich vielleicht nicht in meiner Kindheit davon geträumt, von einem erwachsenen Mann verführt zu werden? Oder darf ich das nicht schreiben, weil in meiner Jugend das „Schutzalter“ noch bei 20 war, während die Heteros schon ab 1942 fröhlich ab 16 durften? Heute blickt man Schwule noch vorwurfsvoll an, wenn sie von Freunden oder Kontakten ab 16 erzählen!

Ich hoffe doch sehr, dass diese Altersgrenze für Kontakte endlich für die Gleichberechtigung und die Gleichwertigkeit der Homosexualität tragfähig genug wird – bald 20 Jahre nach deren Einführung – und dass Schwule das politisch auch vertreten, statt zu kuschen!

Thommen in der untragbar, Frühling 2014

Thommen in der untragbar, Frühling 2014

Während bei Heterosexuellen „die Pädophilie“ meist eine einseitige Entscheidung von Männern gegenüber Mädchen ist, und die diejenige zwischen Frauen und Knaben als „politisch korrekt“ bezeichnet werden kann, gibt es inzwischen auch Jungs, die exakt auf ältere Männer stehen. (Das müssen nicht 10jährige sein, wie immer geargwöhnt wird!)

Und jetzt ist eine Beziehung zu benennen, die es offenbar bei Homos nicht geben soll: Die Gerontophilie. Die Liebe zu älteren Menschen – hier zu Männern. So mancher Stricher hat wohl in den vergangenen Jahrzehnten diese Orientierung auch profitabel ausgelebt. Aber dafür interessierte sich kein Richter (die homosexuelle Prostitution war 50 Jahre lang strafbar!). Unter dem neuen Recht aber wird Gerontophilie sicht- und lebbar. Denn was für den Einen Zukunft ist, ist für den Anderen fast schon Vergangenheit. Aber innerhalb des gleichen Geschlechtes verbindend. Es gibt nichts daran zu idealisieren, schon gar nicht als Rechtfertigung. Aber ein Junge und ein älterer Mann haben wohl mehr gemeinsam im Leben als jede erwachsene Frau mit ihrem Mann.

Aber ich stelle auch die Frage in den Raum, was sollen zwei alte Männer aneinander finden, die keinen Mann zu bemuttern oder keine Frau zu bevatern haben? Gut, oft mag das sogar bei Schwulen nach Heterosexualität aussehen. Aber wollen wir Schwulen das auch alle?

Viele heterosexuelle Psychologen und Pädagogen sind sich darin einig, dass vieles an der sexuellen Orientierung schon sehr früh festgelegt wird. Die neuesten Forschungen aber weisen nach, dass noch sehr vieles im Laufe des Lebens „fortgeschrieben, umgeschrieben“, oder gar erst geschrieben wird (Ilka Quindeau, 2008). Das dürfte wohl sehr für die sexuellen Bedürfnisse von heterosexuell Lebenden zutreffen, die im spätern Alter – so ab 50 – plötzlich entdecken, dass es ja auch noch Männer als Sexualpartner gibt. Für diese ist es leichter, nach ihren Frauenerlebnissen, sich für diese Partner zu interessieren, denn sie haben im Grunde genommen keine „schwule Biografie“. Sie kehren zum eigenen Geschlecht zurück, wie sie beim anderen Geschlecht auf Abwege geraten sind!

Problematisch wird es dann, wenn ältere Männer so weit zurückgehen müssen, um den verlorenen homosexuellen Faden wiederzufinden, dass es unter die Schutzaltersgrenze geht. Und Problematisch wird es vor allem, wenn es so spät im Leben um eine kindliche oder jugendliche Zeit geht, in welcher Homosexualität nicht gelebt werden konnte. (Hohe Suizidrate bei homosexuellen Kindern und Jugendlichen) Doch die Gesellschaft ist blind für Prävention, sie verurteilt lieber hinterher…

Ich weiss, jetzt sollte der Knüppel aus dem Sack! „Was meint der eigentlich?“ Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr, ist ein gutbürgerlicher Spruch. Auch Schwule lernen, die Körpernähe von Müttern und Frauen zu erfahren. Schwestern zu haben, vielleicht sogar „beste Freundinnen“. Aber meistens haben sie einen homophoben Vater. Also ohne Körpernähe zu ihm. Nicht immer einen Bruder. Und die heterosexuellen Onkels tun sich lieber an Töchtern und Cousinen vergreifen – um die Spitze jetzt umzudrehen. Meine Onkels waren so ziemlich homophob und mit der Verführung meines Cousins war leider nix.

Also wie sollte ich lernen – fürs spätere Leben – mich an erwachsene Männer zu halten, sie geil zu finden und ihnen nachzulaufen, da hätte ich doch nur Schiss in den Hosen gehabt. Dass sie den kleinen Schwulen, der es doch selber noch nicht wusste, piesakten und ihn auf Mann drillten, das bleibt wohl unverjährbar – aber auch strafrechtlich irrelevant! Als ich mit zwanzig von einem wenig älteren Mitarbeiter in meiner Lehrfirma verführt worden bin, rannte meine Mutter aufs Gewerbeinspektorat. Die Firma durfte über Jahre keine männlichen Lehrlinge mehr haben… Und meine Mutter war so unschuldig in die Ehe gegangen und hatte von Homosexuellen schon gar keine Ahnung gehabt. Meine schon kindlichen Wixkontakte hatte sie wohl „übersehen“.

Und trotz all solcher widrigen Umstände gibt es Gerontophilie auf der Welt – und mitten unter uns. Ich meine jetzt nicht jene Frauen mittleren Alters, die Männer im Altersbereich ihrer Väter heiraten. Oder jene heterosexuellen Männer, die sich ihre Potenz durch Heirat von jüngsten Frauen beweisen lassen. Meistens ihre finanzielle Potenz.

Es gibt auch Jungs, die auf ihre Väter stehen. Aber mit ihren Müttern hätten sie wohl weniger Probleme mit dem sozialen Umfeld. Und es gibt Jungs, die sich trotz, oder gerade wegen der Homophobie ihres Vaters, an ältere Männer hängen. Ich weiss auch aus eigener Erfahrung, dass die Liebhaber- und Vaterrolle nicht unbedingt zueinander passen können.

Ich habe meine grundlegend-biografischen schwulen Erfahrungen mit etwa Gleichaltrigen, oder später um die 5 Jahre Jüngeren gemacht. Das hat mich geprägt. Doch allmählich merkte ich, dass das mit den gleichaltrigen Partnern irgendwo begrenzt war. So in den 30ern hängt ein Homosexueller irgendwie durch. Zu alt für die Jungen, zu wenig jung für die Älteren. In den 40ern bin ich plötzlich für gewisse Frauen interessant geworden. Ich bin jetzt über die 50 hinaus. Ich kann schon mal das „Beuteraster“ zwischen 20 bis um die 30 eingrenzen. Je nach Agilität oder Persönlichkeit des möglichen Sexualpartners. Da ich aber keine „Rollenspiele“ veranstalte, kann ich weder Stute noch Hengst anbieten! 😉

Gerontophilie durch die Hintertür?

Nun stellt sich ein für mich ganz neues Problem, an das ich nie gedacht hatte. Früher, als ich jünger war, fühlte ich mich unattraktiv und „alt“. Mit den sexuellen Kontakten konnte ich das aber etwas ausgleichen.

Heute bin ich nicht mehr so attraktiv und ich BIN alt! Ich würde heute nicht mehr unbedingt mit mir selber ins Bett gehen. Meine Attraktivität hat sich aber in meiner Persönlichkeit weiterentwickelt – auf einer kommunikativen Ebene. Mein Alter ist für viele Jungs schon im voraus eine Bedrohung. Besonders durch die Dämonisierung als „Pädophiler“, die auch ich zu spüren bekomme. Auch wenn ich kein heterosexueller „Fritzl“, oder nach SVP ein „Bubenschänder“ bin. Im Gegenteil. Mein Trick war immer, den Jungs vorab zu sagen, dass sie NICHT mit mir ficken müssen. Das hat all jene immer irritiert, die sich in Spekulationen über meine Kontakte zu Jungs den Mund zerredeten. Ich habe auch nie Drogen konsumiert und diese wie einen klassischen „Schleckstengel“ den Jungs angeboten! 😛

Ich bin in meinen eigenen Augen einer jener Männer, Väter und Onkels geworden, für die ich nie so etwas wie sexuelle Attraktivität empfunden habe. Ich bin für mich selber ein sexuelles „Unding“ geworden. Aber trotzdem gibt es immer wieder – und vor allem über die Internetkontaktseiten – jüngere Männer, die ich sexuell attraktiv finde und die gerade das an mir suchen, was sie selber „noch nicht haben“ können. Reife, Persönlichkeit, etwas Watte zum anfassen, und Selbstsicherheit. Ich erinnere mich noch an den Ausspruch von Peter Aschwanden, der 1992 im Auftrag des SF einen Dok-Film über den Pädophilen Daniel H. drehte: Es sei ihm bei den Recherchen zum Thema aufgefallen, dass die meisten Opfer von Daniel H. Buben ohne real präsente Väter gewesen seien – „allein erzogen“.

Ich bin daran, Schritt für Schritt ein Gerontophiler – aber kein Gerontosexueller – zu werden. Über die Interessen und Vorlieben von jüngeren Männern lerne ich, was an mir denn so attraktiv sein soll. Ich sei „Liebhaber, Vater, Bruder, Freund und Sexpartner in einem“, schrieb mir mal ein einundzwanzigjähriger Mann aus Deutschland.

Und die Heterosexuellen werden mit ihrer speziellen Art von „Pädophilie“, welche erwachsene Frauen zu (ihren) Babies, Mädchen, Chicks, Girlies, etc. macht, nie lernen, was eine schwule Biografie ausmacht. Das merke ich auch in Foren mit Bisexuellen. Sie reagieren meistens aggressiv auf eine schwule Biografie. Denn sie selber haben keine – höchstens eine fragmentierte heterosexuelle…

Peter Thommen_64, Schwulenaktivist, Basel

* siehe auch: Wie lieben ältere Schwule, den ersten Teil!

Siehe: Werner Catrina, Der späte Frühling

Thommens Kritik

Zwischen Gender und Arbeit!

Freitag, April 4th, 2014

Die – heute tote – Schwulenbewegung hat sich in den 70ern von Anfang an an die Bewegung der Arbeiter und Arbeiterinnen gelehnt, um die Politik für den Wechsel des Strafgesetzes in Aktion zu bringen. Sie ist aus dem gesellschaftlichen Schatten hervorgetreten, in welchem sich die traditionellen Schwulen und ihre Vereine bisher geduldet gefühlt hatten.

Die Schwulenbewegung in der Schweiz berief sich auf den rosa Winkel unserer Vorfahren in Deutschland. Auch wenn es keine nationalsozialistische Politik bei uns gegeben hatte. Immerhin war es nach dem Krieg nicht verboten, homosexuell zu SEIN. Aber wir wurden durch ein bedeutend höheres Schutzalter vor uns selber geschützt, ebenso natürlich die Heterosexuellen, die schon ab 16 miteinander spielen durften. Einweisung in ein Konzentrationslager bedeutete „Schutzhaft“, auch für Juden und Schwule. Doch ist dabei – wie auch beim Schutzalter – immer auf beide Seiten zu fragen, wer denn vor wem geschützt werden sollte! (1)

Homosexuelle und Heterosexuelle unter 20, die sexuell miteinander in Kontakt gekommen sind, wurden strafrechtlich oder administrativ weggesperrt. Es gab Bussen, oder Gefängnis im Wiederholungsfall. Dies hatte Alexander Ziegler, ein Schauspieler und Texteschreiber medial an die Öffentlichkeit gebracht. Sein bekanntester Roman ist „Die Konsequenz“, der auch verfilmt worden ist. Darin schildert er auch die verlogene Moral in Deutschland, wo es sogar verboten war, homosexuell zu sein. Obwohl es für eine Strafe ja immer erst einer Handlung bedarf…

Unter solchen gesellschaftlichen Bedingungen war es auch schwierig, eine anständige Arbeit zu finden, derer man immer verlustig gehen konnte, wenn etwas „bekannt“ geworden war. Ich weise in diesem Zusammenhang gerne auf die heutige Situation von Pädophilen hin, die schon gar nicht erst strafbare Handlungen begehen müssen, um ausgegrenzt zu werden! Hingegen haben es zum Beispiel andere „Gesinnungs-Genossen“ aus der rechten politischen Ecke einfacher, „damit zu überleben“. Aber auch Linksextreme bekommen keine Sondergesetze aufgedrückt. Nicht mal pädophile Frauen, die es nach sexistischer Vorstellung überhaupt nicht gibt. Sie alle sind – wie alle Bürger in der Schweiz – vor dem Gesetz gleich, wie es so schön in der Verfassung steht.

Wenn wir jetzt über eine „Pädophilen-Initiative“ abstimmen müssen, dann nur wegen der sexuellen Dimension, in die sie vorstösst. Was wir früher öffentlich mit dem „Schutzalter 20“ politisch angestossen hatten, fällt jetzt sozusagen wieder auf uns zurück! Dabei bedarf es keinesfalls des „pädophil Seins“, sondern nur der Verletzung bisheriger Strafgesetze – also sexueller Handlungen mit Kindern (bis 15), um „lebenslänglich“ nicht mehr mit Kindern arbeiten zu dürfen. Intelligenterweise wird in heterosexuellen Familien nicht mit Kindern „gearbeitet“, sie werden da nur streng hetero/a erzogen!

Schwule könnten vielfältig davon berichten, wie sie von ihren Eltern oder anderen bestimmenden Personen wegen ihrer homosexuellen Bedürfnisse „bearbeitet“ worden sind. Das ist dann aber legal. Interessant wird sein, wie sich „Regenbogenfamilien“ mit Verdächtigungen auf „Pädophilie“ durchschlängeln werden…

Der CVP ist auch noch eingefallen, dass die „normale“ Familie aus Mann und Frau besteht. So dass gegen das politische Ziel der „Homo-Ehe“ aus der lesbischwulen Ecke, auch hier ein Nagel eingeschlagen werden konnte.

Ursprünglich gab es in der „Normalität“ einfach sexuelle Abweichungen, die hie und da auftraten. Eine davon war die Urningsliebe, oder später Homosexualität genannt. Erst nach ihr entstand die „Heterosexualität“. Magnus Hirschfeld als erster Sexualwissenschaftler vermutete eine, oder mehrere Zwischenstufen, um die Erscheinungen unter einen Hut zu bringen. Aber nach der Bisexualität als dritter Variante sind inzwischen noch mehr dazugekommen. Und es nimmt kein Ende, welche Variationen laufend aus der Normalität fallen. Neben den biologischen Unterschieden von Körpern und Geschlechtsteilen gibt es auch unterschiedliche Verkehrsformen und unterschiedliche Spiele und Rollen miteinander. Dies alles wird heute unter dem Begriff „gender“ (= sozial funktionierendes und/oder erlerntes Geschlecht) versammelt.

Die normale heterosexuelle Familie hat heute ziemlich Probleme, ihrem Nachwuchs diese „Gender-Welt“ zu erklären. Am einfachsten ist es da, den Kindern und Jugendlichen schon mal die Information über die Realitäten zu verweigern, oder vorzuenthalten, nach dem bewährten bürgerlichen Motte, was nicht genannt werden kann, das kann es auch nicht geben! Erst wenn das Internet stört und der Nachwuchs zu früh die wichtigen „Lebensfragen“ stellt, wird es relativ ungemütlich! Personen, die mit Kindern arbeiten und solche, die sie zuhause aufziehen müssen, können ziemlich ungehalten auf sexuelle Lebensfragen reagieren, denn das kommt alles „von aussen“ und stört die traditionelle, geschützte Harmonie…

So sind auch heute wieder Sexualität und Arbeit nahe beieinander. Schon im Mittelalter, in welchem grosse Unkenntnis über die Geschlechter herrschte, kamen Frauen auf die Idee, sich in Männerkleidern zu Arbeiten zu verdingen, weil sie dann einen höheren Lohn bekamen! (2) „Arbeit mit Kindern“ soll mehr und mehr ein Teil des öffentlichen Arbeitsmarktes werden, besonders im Vorschulalter. Damit bekommen nun auch die „Früchte“ der familiären Sexualität eine „öffentliche Bedeutung“ und Beachtung, die bisher im privaten Lebensraum behalten werden konnte. Eine interessante Entwicklung, besonders im Hinblick auf die Bewertung der Sexual-Arbeit ausserhalb „privater Intimität“. Doch wer sich über die Geschichte der Kindheit, der Familie und der Arbeit etwas informiert, den wird das nicht verwundern.

Nicht nur Sexualität, Liebe und Arbeit verändern sich ständig und schneller. Auch Orientierungen, Identitäten, Fetische und Geschlechtsteile werden unterschiedlich benützt und eingesetzt. Nach dem Motto, ich betätige das, was ich gerade brauche – und morgen ist alles wieder anders…

Peter Thommen_64, Schwulenaktivist, Basel

1) Erdogan: Schutzhaft für Homosexuelle in der Türkei 2014!

2) Ein Bauernknecht wird als Frau in Männerkleidern enttarnt (Chronist Fridolin Ryff, zitiert von Katharina Simon-Muscheid, in: Arbeit, Liebe, Streit, Texte zur Geschichte des Geschlechterverhältnisses und des Alltags, S. 112 (Verlag des Kantons Baselland, Liestal, 1996)

Das linke coming out der HABS am 1. Mai 1979*

Dienstag, April 30th, 2013

Das sogenannte „Homoregister“ der Strafverfolgungsbehörden hatte „Homos“ und organisierte Schwule schon längere Zeit beschäftigt. Ende der 70er Jahre gaben die Staatsorgane auch zu, dass ein solches bestehe. Es wurde laufend „nachgeführt“ durch Kontrollen in den „Schwulenparks“ (Schützenmatte und Wettsteinbrücke). Dabei wurden wir „gleichbehandelt“ wie heterosexuelle Verbrecher. An die Wand gestellt, mit Hunden gejagt und umzingelt… (Siehe dazu meinen Überblick im HABS-info, 11’79, PDF)

Anlässlich der Gay80 gab es eine unvorhergesehene Begegnung mit Polizeidirektor Karl Schnyder (SP, dann DSP) beim Stand an der Schifflände, in der er sich sehr liberal gab (sh. Video Minute 3.15!), aber zur Praxis äusserte er sich nicht so ausdrücklich! 😉

In jener Zeit stand auch das „Kriminalpolizeiliche Informations-System“ der Bundesanwaltschaft zu Diskussion. Die HA-Gruppen waren von „linken Leuten“ dominiert und schlossen sich den öffentlichen Protesten dagegen politisch an. (Inzwischen gibt es eine „eingetragene Partnerschaft“ – aber auch in diese wollen nicht alle eingetragen werden!)

Jedenfalls politisierte die Aussicht auf ein solches Registrier-System viele Schwule. Aber man besuchte nicht Christoph Blochers „Albisgüetli“, sondern gesellte sich am 1. Mai zu den Gewerkschaften und ArbeiterInnen…

Wie konnten wir damals Homosexualität politisieren? Die Schwulenbewegung orientierte sich an der Geschichte unserer deutschen Brüder und Schwestern, welche vom Nationalsozialis-mus verfolgt worden sind. Das rosarote Flugblatt für den Maiumzug trug den Titel: „Schwule am 1. Mai?“

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li-aussen: Walter Hofer, Mitte: Fabio Eiselin, re-aussen: Miguel

 

„Es ist kein Zufall, dass sich die Schwulen der Arbeiterbewegung anschliessen. Wer könnte sich eine Homosexuellen-Delegation an einer Arbeitgeber-Konferenz vorstellen, obwohl es sicher viele schwule Unternehmer gibt? Nur die Arbeiterbewegung ist fähig und willens, die heutige Gesellschaft in Richtung Demokratie und Freiheit zu verändern. Nur die unten sind, ohne Zweitvilla und Aktienpaket, sind bereit, für die Veränderung einzustehen. Die Homosexuellen haben sich in die richtige Reihe eingefügt.“ (Martin Herter (1954-2001) in der Basler AZ vom 15. Mai 1979, in der Titelseitenkolumne)

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Vom Münsterplatz zum Marktplatz Maidemo

Wer hat bis heute irgendwo einen Mai-Redner von Schwulen und Lesben erzählen gehört? Ich in all den Jahren noch nicht! Wir sind zwar in der Minderheit, aber wir verbalisieren die Probleme, die die Mehrheit hat, sexuell und ökonomisch! Aber die „Sexualökonomie“ von Hetero/as beschränkt sich auf Kinderbetreuungs-Einrichtungen, auf Familien- und Kinderzulagen, günstige Familienwohnungen, Familiennachzug, sowie „Erziehungsgutschriften“. Der Sex ist da völlig verschwunden. Es gibt nur Saubermänner- und –Frauen!

Mitten in den roten Fahnen stand der rosa Winkel. Wir hatten uns erst auf dem Münsterplatz versammelt, ganz zur Seite und reihten uns dann in den Demo-Zug ein. Während die Reden gehalten wurden, verteilten einige ganz beherzt das rosa Flugblatt. Nicht jedeR griff zu…

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Auf dem Marktplatz in Basel, unten das rosa Flugblatt

 

Angeline Fankhauser (NRin 1983-199) hat mir letzten Herbst am Telefon bestätigt, dass in Bern nicht über die Homosexualität diskutiert worden ist! (!) Es wurde einfach das Schutzalter angepasst. Zum einen mag das eine Normalität beweisen, die es im früheren Strafrecht niemals gegeben hat (1942-1992), andererseits hinkt das Rechtswesen der bisherigen „Gender-Diskussion“ völlig hinterher, was die Homosexualität von Jungs und Männern betrifft – oder auch die Männerprostitution.

Der Sexismus des alten Strafrechts (was kann zwischen Frauen denn schon passieren?) wird fröhlich bis heute fortgeführt. Es gibt nur TätER und keine TäterINNEN. Zwangsheiraten für Männer (auch von Müttern betrieben) sind kein Thema und die homosexuelle Orientierung, oder das homosexuelle Spiel unter Knaben geht in der Diskussion um Sexualerziehung und „Sexualisierung“ von Kindern völlig unter!

Was ist „Öffentlichkeit“? Diese Frage stelle ich mir immer wieder. Wenn zum Beispiel „eingetragene PartnerInnenSchaften“ verlangen, dass amtliche Formulare den dritten Zivilstand verschweigen und sie sich lieber „bei verheiratet“ eintragen wollen…

Was ist „Öffentlichkeit“? Wenn Schwule und Lesben Parties veranstalten und dazu anschreiben „heterofriendly“? Oder wenn Flyers nicht mehr „oberkörperfrei locken“, sondern in Hemd und Kravatte einladen – um Frauen und Heteros „nicht auszugrenzen“? Wenn Schwule sich an CSDs auf den Wagen in den Strassen mit allen Fetischen präsentieren? Oder wenn in Berlin gar öffentlich auf Wagen arschgefickt wird?

Heisst Zusammenarbeit zwischen Lesben und Schwulen, wenn der CSD einfach „Christina Street Day“ genannt wird? Wo setzen uns Lesben Grenzen? Zum Beispiel durften im Schwulen- und Lesbenzentrum Basel (80er) an Lesben-only-parties die Kondomplakate zur HI-Verhütung nicht hängenbleiben. Eine offensichtlich lesbische Polizistin fragte mich einmal direkt, warum wir Männer denn in den Park und auf Toiletten gingen, sie würde mit ihrer Freundin in den Isola-Club gehen…

Es wird immer fragwürdiger (d.h. die Frage erhält zunehmend Würde!), ob die Erscheinung im öffentlichen Raum gesellschaftlicher Liberalität, politischer Glaubwürdigkeit, oder einfach nur der mit Kommerz erkauften Toleranz der Heteros dienen soll!

Doch hinter der Adoptionsverweigerung stehen Vorurteile, die einfach nicht bearbeitet werden wollen! Der „Pädophilie“-Vorwurf dahinter muss hervorgezerrt und in der Öffentlichkeit diskutiert werden – natürlich bei Vätern, nicht bei Müttern! Und wenn ich schon gerade beim Thema „Übergriffe“ bin: Es gibt zahlreiche Mütter und Frauen, die zwar (ihre) Kinder vor „Sexualisierung“ schützen möchten, aber durchaus mit der Sexualität oder Orientierung ihrer Sprösslinge ihre Riesenprobleme haben – und dazu besonders mit der homosexuellen.

Claudia Müller hat in ihrer Arbeit (1) gezeigt, welche Erwartungen sie an die Nachkommenschaft stellen. Und Alexander M. Homes (2) hat in seinem Buch über pädosexuelle Frauen und Mütter auf eine Dunkelzone hingewiesen, die noch immer vom Muttermythos überstrahlt und von der Angst vor Vätern und der hysterisierten Diskussion um TätER and die Wand gedrückt wird.

Ich kann nur immer wieder auf die Untiefen dieser Politiken und Sexismen hinweisen! Wenn die Diskriminierung in der Öffentlichkeit zuschlägt, ist die organisierte Schwulenschaft nicht vorbereitet darauf! Ich finde es ganz gut, dass die Parole „Arbeit für alle statt Ehe für alle!“ in Paris erschollen ist! Aber die Schwulen sind so darauf ausgerichtet, dass sie die Zeichen der Zeit nicht erkennen und danach handeln (wollen).

Peter Thommen_63, Schwulenaktivist, Basel

*Gemäss  „40 Jahre habs ist die Schwulengruppe am 1. Mai 1975 erstmals aufgetreten (S.  9, als erste HA-Gruppe überhaupt!) Das Flugblatt hatte den Titel: „Was haben Rothaarige und Schwule gemeinsam?“

P.S. Ein CSD in den USA kann heutzutage durchaus von Grossindustrien dominiert werden!

Erste Mai-Rede von Florian Vock (23), Jungsozialisten und schwul, in Lenzburg

1)  Claudia Müller (Pädagogin): Mein Sohn liebt Männer, 2008, eine qualitative Studie über 5 Mütter)

2) Alexander Markus Homes: Von der Mutter missbraucht. Frauen und die sexuelle Lust am Kind, 2005, 458 S. (Nicht zu verwechseln mit der US-Schriftstellerin A.M. Homes!)

Solidarität mit Christopher…

Dienstag, Juni 21st, 2011

„Wir sind eine schlechte Community wenn es darum geht, uns selbst zu helfen, ganz besonders Jugendlichen. Vielleicht liegt es daran, dass viele von uns keine Kinder haben.“ (George Michael, zitiert nach Mannschaft-Magazin vom Juni 2011, S. 22)

Ich habe keine Ahnung, wie er auf sowas kommen kann. Heterosexuelle Eltern haben auch Kinder und sind untereinander unsolidarisch.

Eine Erfahrung hat sich für mich in den Jahrzehnten des schwulen Buchladens immer mehr konkretisiert: Schwule lesen im Allgemeinen ganz gerne Jugendbücher, worin ein coming out, oder die (schwule) Jugendliebe thematisiert wird.

In der letzten Zeit habe ich eine ganze Reihe von Kinder- und Jugendbüchern über schwule Jungs gelesen. Mit dieser Literatur versuchen sich auch immer wieder Frauen. Dann allerdings begegne ich darin den „Schwulen ohne Unterleib“. Das hat wohl seine anatomischen und erzieherischen Gründe. Und während Leser solcher Bücher sehr schnell in den Verdacht der Pädophilie geraten, bleiben auffälligerweise die AutorINNen davon verschont.

Es sind meistens – nicht immer – „einsame“ Geschichten, voller Enttäuschungen, Hoffnungen und Sehnsüchte. Darin vermisse ich die Solidaritätserfahrung ganz stark – mit anderen Jungs (es geht halt oft um Konkurrenz), oder von Heteros mit schwulen Jungs. In diesen Geschichten fällt das höchstens einer „besten Freundin“ auf.

Solidarität heisst sinngemäss, seine solitäre Situation herzugeben (dare). Auf Kosten des eigenen und besseren Status, sich mit Einem oder mehreren Anderen verbinden…

In der Realität kämpft meistens Jeder gegen Jeden. Oft gilt der Kampf mit dem Anderen symbolisch den eigenen Gefühlen, oder entspricht nach der heterosexuellen Moral dem Hahn, der möglichst viele – oder die Schönsten – in sein Nest zwingen möchte. Nach dieser Methode gibt es keine solidarischen Gruppen, nur solche, die wie „Banden“ sich einem Führer unterwerfen, um für ihn, oder gegen „die Anderen“ zu kämpfen… Das ist heterosexuelle Tradition. Aber müssen wir das übernehmen?

„Homosexuelle Tradition“ habe ich in der Schwulenbewegung auch noch erlebt als „Bettverwandtschaften“. Das heisst, dass ich in einem von mir selbst gewählten Kreis von anderen Schwulen Erfahrungen sammeln konnte, ohne immer gleich mit „der Liebe für das ganze Leben“ zu spielen. Ich habe auch bald einmal gemerkt, dass mir der Herzschmerz viel eher vergeht, wenn ich mich von Anderen und/oder von einem meiner Ex-Sexpartner emotional und auch sexuell trösten lasse. (Eben nicht von der „besten Freundin“!)

Das schlechte Gefühl bei einer Trennung hatte für mich also nichts mit einer falschen Liebe, sondern mit meinem Minderwertigkeitskomlex zu tun. Wenn Lover uns fallen lassen (das kann akzeptable objektive Gründe haben!), dann müssen andere Freunde an deren Stelle treten und uns wie in einem gewebten Netz auffangen. (Auch solche, die bereits „vergeben“ sind könnten das!) Dadurch erlebe ich Solidarität!

Wer seine wichtigsten emotionalen und sexuellen Kontakte immer nur erlebt, als sei er an einer einzigen Nabelschnur aufgehängt, der wird sich dauernd „verletzen“, „enttäuschen“, etc. Daraus ergibt sich der Spruch, der auch einmal der Titel eines Buches zum Thema AIDS war: „Wenn ich nicht lieben kann, dann dürfens Andere auch nicht!“ So hängen sich viele Jungs an irgendeinen dominanten Führer (sozial), oder an „die grosse Liebe mit dem Richtigen“ (emotional), dem sie dann meistens nur „dienen“ (oder sich von ihm wie von einer männlichen Mutter bedienen lassen), bis sie ersetzt werden können!

Es kommt immer wieder vor, dass wir selber nur einen temporären wichtigen Teil im Leben eines Anderen sein können. Das ist zu akzeptieren. (Gilt für alle Drama-Queens hier!)

Viele kleine bedeutende Augenblicke im Leben anderer zu sein, ist auf die Länge lebenserhaltender und psychisch gesünder, als der heilige Vulkanausbruch mit dem grossen Desaster hinterher… oder dann wenigstens alles nebeneinander. Und ich schwöre Euch bei allen schwulen Heiligen, davon profitiere ich bis in mein aktuelles Alter hinein! AMEN.

Ich führe meine Gedanken noch etwas ins „Politische“ aus: Als wir in den 70er Jahren als politisch bewusste Schwule am 1. Mai-Umzug neben den Ausländern und Frauen auftauchten, kam mir das Geschrei „Hoch die Internationale Solidarität mit der Arbeiterklasse“ etwas schräg vor. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass diese schreienden Männer solidarisch sein könnten, wenn sie sich nicht mal getrauten, einander die Hand zu geben. Die schauten dann wohl lieber nach der Demo ins Décolleté von Frauen…

Ich kann mich erinnern, dass neu auftauchende Türken, damals auch „Händchen hielten“ untereinander. Später dann auch die Tamilen. Das dauerte aber nicht lange, weil sie von den Heterosexuellen hier als „schwul“ denunziert wurden. Und es iss sehr selten, dass junge Männer sich spontan freundschaftlich zu berühren wagen…

Womit historisch und ethnologisch dokumentiert ist, dass es nicht mal des Schwulseins bedarf, um Gefühle füreinander zu haben und sich solidarisch zu fühlen. Ich komme nicht umhin, das Problem damit dem allgemeinen Heterror anzulasten, der die gleichgeschlechtliche Solidarität zu einer „Kumpelhaftigkeit“ und zum „Hahnenkampf“ untereinander um irgendwelche Frauen pervertiert hat. Allerdings wird sich unter der Hetero-Dominanz der Sexualkontakte, gerade wegen der Eifersucht der Frauen, daran bei den Männern vorläufig nichts ändern. Die Frauen hingegen haben sich im Patriarchat noch viel „Wärme“ erhalten können untereinander, trotzdem es bei ihnen „um den Mann“ geht.

Wir Schwulen wären somit ein Teil der gesamten Männerkultur. Stattdessen wird diese vom Bezug auf die Frauen völlig dominiert. Und diese tragen daran eine pädagogische und gesellschaftspolitische Mitverantwortung. Denn wie mir klar geworden ist in der letzten Zeit, geht es nicht nur um die Emanzipation der Homosexualität, oder der Schwulen, sondern auch darum, alle anderen heterosexuellen Männer und Macker „davor zu bewahren“. Der Kampf dagegen gilt nicht nur „der Homosexualität“ sondern auch „für alle anderen Männer“, damit sie „den natürlichen Gebrauch des Weibes“ (Bibel) nicht verlassen…

Solidarität kann nicht auf Befehl verordnet werden. Daher ist es unsinnig, von immer mehr Minderheiten, die sich jetzt von der Heterosexualität abspalten (LGBTAQ…), zu erwarten, plötzlich untereinander „solidarisch“ zu sein.

Dazu kommt die neue Moral, bei der jeder nur für sich selber verantwortlich sei – besonders bei HIV. Jeder soll auf „den Richtigen“ warten, der irgendwo im Leben versteckt sei, oder viele Junghomos wollen nur diesen Richtigen an sich binden und dann in der schönen Wohnung und bis ans Ende in den Sarg – verschwinden. So eine Einstellung erzeugt keine Solidarität.

Früher waren viele Schwule „übers Bett“ miteinander verwandt, weil man – schon verletzt von der Repression – sich nicht auch noch hinterher „fertig machen“ konnte. Diese gemeinsame Nähe meine ich, wenn ich von Solidarität schreibe. Sie ist mit vielen tausend Zweierkisten nicht zu erzwingen.

Wenn Junghomos für ältere Schwule nur Verachtung übrig haben, dann ist das ein grosses Hindernis für Alle. Denn die Diskriminierung der Älteren ist zugleich die Diskriminierung der eigenen Zukunft der Jüngeren. Und dies hängt nicht nur davon ab, dass angeblich „alle Älteren mit Jungs ins Bett wollen – und die Jungs nicht mit ihnen. Denn darüber lässt sich reden.

So mancher Junge, der früher in den 70ern auf die Älteren herabsah, kann heute nicht solidarisch sein, wenn er selber alt geworden ist. Er hat also nichts gelernt. Und so tun es auch heute die Junghomos in gleichem Masse nicht. Und sie werden auch wieder nichts lernen, aus Verachtung gegenüber den Anderen – aber letztlich gegenüber der eigenen Zukunft, die noch unsichtbar ist.

Nicht zuletzt ist es die Aufgabe von Angehörigen von Mehrheiten, mit Angehörigen einer Minderheit solidarisch zu sein, nicht umgekehrt! Und es gibt auch Jungs, die mit Älteren keine Probleme haben, weil sie mit ihnen reden, oder weil sie diese sogar geiler finden als die Gleichaltrigen. Aber da finden auch keine Gespräche und kein Erfahrungsaustausch darüber innerhalb der schwulen Generationen statt!

Dass die Solidarität besonders in den letzten Jahren abhanden kam, ist dem Zeitgeist zuzuschreiben und nicht spezifisch der Homo-Szene. Der Ansatz aber müsste lauten: Da die Homos sich in einem gewissen Ghetto-Freiraum bewegen können, hätten sie das Potenzial, wenigstens etwas in der Homoszene zu ändern, statt nur für sich selber zu schauen. Der Zeitgeist ist der Geist der Anderen und nicht des Ghettos, um das auch mal positiv zu werten!

Vielleicht können sich einige Junghomos die Zweierkiste zwischen 16 und 26 verklemmen und alternative Erfahrungen untereinander im Sex und in den emotionalen Erlebnissen machen. (Statt bis 30 auf den Richtigen zu warten!) Erfahrungen die sie dann auch für eine spätere Zweierkiste gut gebrauchen könnten. Aber es ist einfacher, von der einen Familie zu kommen und sogleich eine neue zu gründen, die wieder die gleichen Gesetze und Abläufe etabliert, wie mann sie schon gehabt hat. Jetzt einfach nur „auf homo“!

So hat Solidarität nichts damit zu tun, ob wir Kinder haben oder nicht. Aber sehr viel damit, wie diese kinderproduzierende Familie und Gesellschaft unser homosexuelles Leben mitbestimmt! Und die angeblich so toleranten schwulen oder lesbischen „Regenbogenfamilien“ werden mit ihren heterosexuellen Kindern eh vollauf selber beschäftigt sein! 😉

Wir sind am 25. Juni zwar auf dem gleichen Schiff, aber leider nicht „alle im gleichen Boot“.

Peter Thommen, Schwulenaktivist_61, Basel

(Überarbeitet am 13.7.11) 

wie lieben ältere Schwule?

Dienstag, März 15th, 2011

(Erstmals veröffentlicht auf Thommens Senf, am 19.Aug. 2007)

Bei der Pädophilie ist es die heterosexuelle Gesellschaft ausserhalb der gay community, die die älteren Täter abstraft. Bei der Gerontophilie*  sind es die jungen „Täter“ von innerhalb der community, die die älteren mit Ignoranz und Diskriminierung abstrafen. Es gibt auch „politisch korrekte Gutschwule“ und es gibt Zusammenhänge zwischen der Kindheit und Jugend eines Schwulen, der Pädophilie und der Gerontophilie. Und darüber nachzudenken, lasse ich mir nicht verbieten.

Peter Thommen

Wir leben in einer Gesellschaft, die noch immer historisch verklärte Vorstellungen von Partnerschaften hat. Wichtigste Erkenntnis von heute wäre: Die uns propagierten Modelle sind religiös motiviert und ideologisiert. Ideologisiert bedeutet, dass es historische „Momente“ gab, in denen diese Formen sich als ideal erwiesen. Leider hat die Idealisierung es verhindert, diese Formen der Entwicklung anzupassen. Darunter leiden wir heute in der Mehrheit. Historische Formen können immer nur von zahlenmässigen Minderheiten fortgeführt werden, indem sie sozial, ökonomisch oder ideologisch privilegiert bleiben. In diesem Zusammenhang muss auch die Einführung von „gleichgeschlechtlichen Partnerschaften“ gesehen werden!

In unserer Massengesellschaft sollten wir darauf verzichten, der Gesamtheit Lösungen vorzugaukeln oder zu propagieren, die sich erfahrungs- und der Statistik gemäss nur für eine Minderheit als praktikabel erweisen. Wir können nicht die Mehrheit der „Ungläubigen“ ihrem „Schicksal“ überlassen und auf unsere konventionelle Privilegierung stolz sein. Überlassen wir doch den Heterosexuellen ihre Schwärmereien für Königshäuser und Liebespaare!

Ich neide es keinem Schwulen, wenn er langjährige Partnerschaften pflegt und sexuelle Treue praktiziert. Nur wird ein solcher uns seine Seitensprünge oder Gewissensbisse, Entbehrungen, Liebesentzüge oder seine Abhängigkeiten vom Partner nicht auf die Nase binden! Dafür haben schon die Religiösen ihre Beichtväter und die monogamen Heterosexuellen ihre Prostituierten installiert!

In diesem Zusammenhang kritisiere ich auch die Pädophilen für ihre monogamen und idealisierten Schwärmereien für einzelne Knaben, die dann

„im selber fortschreitenden Alter“ ihre „ dauerhaft jungen Lieblinge“ sein sollen…

Überhaupt fällt mir auf, dass zwar in Gesellschaft und Politik demokratische Strukturen üblich sind, in den mitmenschlichen Beziehungen aber immer noch Abhängigkeiten gesucht und praktiziert werden. Abhängigkeiten, die sich klar und logisch aus Treueversprechen ergeben. Nicht nur wenn die Politiker dem amerikanischen Präsidenten Gefolgschaft gegen irgendeinen Terror versprechen! Oder junge Muslime ihren Führern Gehorsam bis in den Tod!

Dass die Pädophilie auch mit der eigenen Biographie zusammenhängt, sehen wir im „Jugendkult“ der Schwulen! Zurzeit lese ich sehr viele Kontaktinserate im Internet. Auffällig daran ist, dass Partner gesucht werden, die vor allem solche Persönlichkeiten darstellen sollen, wie Schwule selbst eine sein möchten und nicht können. Ausserdem können ideale und tolle Boys ja auch nicht ewig solche bleiben. Wir selbst könnten es auch nicht, wenn wir es denn wären! Wir müssten spätestens nach 10-20 Jahren mit der fortschreitenden Alterung unseres Körpers davon Abschied nehmen. Auch eine langjährige „gleichgeschlechtliche Partnerschaft“ konserviert uns nicht als Prinzenpaar wie im Märchen.

Damit will ich sagen, dass sich nach längerer Zeit alle Personengruppen „auseinanderleben“, wenn sie sich natürlich entwickeln. Die Familie, oder ein pädophiles Verhältnis natürlich schneller, aber auch schwule Paare stehen schon nach zwei bis drei Jahren anders in der Welt. Nicht zu unterschätzen ist auch der Reifeprozess eines Partners, der vielleicht erst durch die Beziehung überhaupt angefangen hat…

Das ist die Realität für die Mehrheit! Das nur traditionsbewusste oder zwangsweise Zusammenleben ist genauso schädlich wie bei den Heterosexuellen, die angeblich meist „nur warten bis die Kinder gross sind“. Auch Heterosexuelle suchen mal nach einem Jahrzehnt Ehe nach neuen Zielen und PartnerINNEn.

Ich will an dieser Stelle nur auf die Problematik langjähriger lesbischer Verhältnisse hinweisen, aber nicht näher darauf eingehen, weil diese Diskussion von Lesben selbst und geschlechtsspezifisch geführt werden muss!

Die heute „ganz alten“ Schwulen haben noch die Realität der „zwangsheterosexuellen“ Partnerschaften erlebt, oder wurden in die Rolle des „notorischen Junggesellen“ gedrängt. Sie erfuhren homosexuelle Realität nur zufallsweise oder über private oder gar geheime Zirkel.

Meine Generation der Schwulen sah erstmals über heterosexuelle Ehen hinweg und erfuhr das Gefühl der Zusammengehörigkeit in der bedürfnisgerecht gestalteten gayszene. Auch wenn viele von uns in Zweierbeziehungen abgewandert sind, überwog das Gefühl der Bettverwandtschaft mit vielen anderen gays. Zurzeit kommen eine ganze Anzahl „verlassener“ oder verwittweter Schwulen aus ihren „freiwilligen“ Ehen heraus. Nichts ist mehr wie früher. Was mich aber ärgert und wütend macht, ist die Naivität derselben! Sie scheinen inzwischen im Kopf nicht wesentlich älter geworden zu sein, denn sonst würden sie sich auf ihrer Partnersuche nicht wieder wie „Endzwanziger“ gebärden.

Noch immer – oder: wieder! – suchen sie bevorzugt solche Partner, die sie selbst gerne sein – oder gewesen sein –  möchten! Das ist für mich ein Anzeichen dafür, dass nur wenige Schwule es schafften, eine eigene Persönlichkeit heranzubilden. Das ist wohl der gewichtigste Vorwurf an die neue Schwulenbewegung. Nicht alle sind dazu fähig. Aber mir ist die Anzahl viel zu wenig! Es könnten deutlich mehr sein! Vor allem unter denjenigen, die das „Glück“ hatten, nicht in eine „Schwulenehe“ abzutauchen!

Viele davon werfen sich selber und vor allem „den anderen“ einfach Unfähigkeit vor und moralisieren herum. Sie vergiften mit ihrer Misslaunigkeit die Szene und beklagen sich dann noch über sie.

Wenn mir ein über 60jähriger vorhält, dass er es „noch nicht nötig“ habe, für Sex zu bezahlen, dann mag er vielleicht darauf stolz sein. Ich antworte ihm aber: Er solle hier nicht herumnörgeln, dass „nichts laufe“ oder sich gar betrinken. Gescheiter würde er das Geld in einen Callboy oder Sexworker investieren statt in Alkohol. Dann müssen wir nämlich „im Milieu“ nicht seine Übellaunigkeit ertragen. Wenn er nämlich für seine sexuellen Bedürfnisse genauso ernsthaft schaut, wie für seine Fitness und seine Kultur – dafür bezahlt er ja auch! – dann ist er der Realität schon etwas näher.

Und damit komme ich auch der „altersgemässen“ Bewältigung der „späteren Lebenshälfte“ näher. Warum wollen Schwule bis ins hohe Alter hinein diese eheähnlichen Beziehungen und symbiotischen Partnerschaften? Was hindert sie daran, ihr Leben neu zu organisieren und ihre Bedürfnisse da anzubringen, wo sie auch befriedigt werden können? Niemand heiratet seinen Arbeitgeber. Niemand verlangt im Fitness-Center, dass ein Fick im Preis inbegriffen ist. Warum soll ein Sexualpartner einem geil finden, wenn man sich selbst nicht geil findet? Niemand verlangt vom Reisebüro, dass auch gleich eine Hochzeit organisiert wird!

Nur die Nabelschnur oder der Baby-Schoppen liefert immer alle Nahrung und Vitamine in einem. Nur die Mutter-Kind-Beziehung ist angeblich die ideale „Partnerschaft“ im Leben eines Menschen? Hier ist wohl der „Mutterkomplex“ der Schwulen einmal nicht falsch angebracht!

Ich weiss, die moralische, ideologische und heterosexualisierte Verblendung der Schwulen ist gross! Und diejenigen, die darin ihr wirkliches oder angebliches Glück für kürzere oder längere Zeit finden, sollen dies auch abkriegen. Was aber nachher? Nach der Desillusionierung? Da ich Erfahrung mit verschiedensten Charakteren habe (zB Sternzeichen), weiss ich auch, dass nicht alle nach dem gleichen Modus leben können. Aber warum zum Teufel gefallen sich Schwule noch immer darin, an ihrem Schicksal zu leiden, statt es in die eigenen Hände zu nehmen? Das haben wir doch wohl gemacht, als die neue Schwulenbewegung aufgebrochen ist?

Zurzeit habe ich folgenden Spruch drauf: „Viele Schwulen glauben – wenn sie den Hintereingang mal gefunden haben – dass sei es dann gewesen fürs ganze Leben.“

Es ist mir aufgefallen, dass Schwule von dem lesen, und noch „vor allerem“ das sehen möchten, was sie niemals kriegen werden: All die schönen Männer, die sie niemals sein konnten und können! Und dazu braucht es nun wirklich keinen Freund und keine Heirat!

Lesen über Erfahrungen anderer. Weiterbildung im Privatleben? Fehlanzeige!

Da ist die übertriebene Musical- und OperETTEN-Kultur? der Schwulen geradezu grotesk! Und eine Tunte, die ihr Leben inszeniert, das will anscheinend ja kein Schwuler sein!

Was sind die Konsequenzen für die älteren Schwulen? Es ist schmerzhaft, alte unerfüllte Träume aufzugeben, sich mit der Realität des Alterns anzufreunden. Aber man könnte immer neue Kontakte und Freunde in allen Altersgruppen finden, wenn man nicht immer DEN Freund, DEN Partner fürs Leben suchen würde. Ich habe die letzten Jahre von 30-50 sehr bewusst „mitdenken“ und mitansehen können.

Ich habe aus den „alten Zeiten“ lose Kontakte und Bekanntschaften. Ich habe EXs, die ich noch immer liebe, aber mit denen ich nicht immer noch „zusammenleben“ möchte. Ich lerne neue alte und junge Schwule kennen. Und ich erfahre ihre Liebe und lebe die meinige zu ihnen.

Aber ich habe das alte „Liebes-und Sexual“-modell aufgegeben, zugunsten einer realitätsgerechteren und pragmatischen Beziehungsführung und Sexualkultur. Statt himmelhochjauchzend und zutodebetrübt wie zu Zeiten von Romeo und Julius, lebe ich ruhiger, aber empfindsamer. Ich suche bewusst nach Menschen, mit denen ich Sex haben kann. Ich finde immer wieder Menschen, mit denen Liebe möglich ist. Wieso von einem Callboy Liebe erwarten und von einem lieben Menschen Sex fordern? Gibt es dafür ein Gesetz oder ungeschriebenes Recht? Sogar in einer langjährigen Partnerschaft hat ein solches Modell auch noch Platz.

Ich muss vor allem nicht mehr ein junger, geiler, gutaussehender und andern schmeichelnder Boy sein. Ich muss auch keinen solchen zum Freund oder als Ehepartner haben. Ich muss gar nichts mehr. Ich muss für meine Bedürfnisse schauen und diese da anbringen, wo sie allenfalls befriedigt werden. Aber ich kann mich mit jungen geilen Boys anfreunden, ich falle anderen nicht durch Übellaunigkeit zur Last und ich muss mich auch nicht betrinken. Ich gehe in den Park. In der Sauna bezahle ich für die Dienstleistung genauso wie in der Bar. Und ich finde Menschen, die mit mir Sex machen ohne Geld, aber auch solche, die für die Dienstleistung bezahlt werden wollen. Und vor allem: Ich mute mich nicht mehr jedem zu, denn ich bin eine ganz einzigartige und unverwechselbare Persönlichkeit geworden und dafür werde ich auch schon mal gehasst! Ich freue mich an dem, was ich an Liebe bekomme und ärgere mich nicht über diejenigen, die weder mit mir ficken, noch mich lieben wollen!

Peter Thommen, (Schwulenaktivist)

* Liebe zu älteren Menschen